Archiv der Kategorie: Die brennende Kugel

Die große Flut

Abschnitt 3

Baton Rouge
Frühjahr 1927

Kober durchwühlte noch Schränke und Schreibtische im Feinhals-Haus. Im Erdgeschoss fand er die Notizbücher von Thomas. Die jüngste Kladde war von 1948. Das älteste Büchlein von 1927: Ein Reisetagebuch, in dem Thomas seine Reise zusammen mit Walter Niess durch Louisiana festgehalten hatte. In New Orleans hatten sie Carls Sohn, Engelbert Feinhals, und dessen Verlobte Kristina Haybach getroffen, die sie mit ihrem Crysler zu einem Bayou bei Baton Rouge bringen wollten. Engelbert hatte ihnen gleich gesagt, dass es keine einfache Fahrt werden würde, der Mississippi sei über die Ufer getreten. Während der Fahrt erzählte ihnen Kristina über die Flut.

KRISTINA HAYBACH (Kristina lehnte sich zu Thomas und Walter, die auf dem Rücksitz des Cryslers saßen): Die Flut ist verheerend. Eine Katastrophe.  Ich weiß nicht, ob es so eine Katastrophe schon mal in Amerika gegeben hat. Es regnet andauert. Seit dem letzten Sommer hat es im Einzugsgebiet des Mississippi starke Regenfälle gegeben. Da begann schon das Übel. Ich weiß nicht, ob ihr schon mal auf einer Landkarte gesehen habt wie der Mississippi durch Amerika fließt. Das beginnt weit oben. In den Mississippi läuft das Wasser aus Flüssen oben in Montana, North Dakota und Minnesota. Im Osten kommt Wasser sogar aus Ohio, ja auch aus dem Staat New York. Und das Wasser fließt dann bis hier hinunter zum Delta bei New Orleans.
Im Winter und auch jetzt im Frühjahr, war immer wieder sehr schlechten Wetter. Das ganze Frühjahr war mies. So gab es Mitte April in New Orleans so starke Regenfälle, die dazu führten, dass Teile der Stadt bis über einen Meter mit Wasser überflutet waren. Ganze Landstriche stehen jetzt unter Wasser. Das sind wirklich dunkle Tage für Amerika. Ich mein, ihr seht es ja selber. Viele Häuser stehen bis zum Giebel unter Wasser. Zahlreise Eisenbahnlinien sind zerstört oder unterflutet. Den Leuten ist ihr Hab und Gut versunken. Tiere, Autos, Kutschen, alles abgesoffen. Manchmal gelingt es Leuten mit Wagen in die überfluteten Gebiete zu fahren, um Menschen und Tiere zu retten. Wir haben gestern eine Familie gesehen, die aus einer überfluteten Stadt mit einem Pferdewagen floh. Andere schaffen es mit Booten. Riesige Gebiete sind nur noch mit Booten erreichbar. Boote sind dort das einzige Fortbewegungsmittel. Natürlich gibt es nun jede Menge Obdachlose. Zum Glück gibt es für die die Flüchtlingscamps. Das sind Camps mit langen Reihen von Armeezelten. Da leben nun die ganz armen halt. Die die am wenigsten dafür können. Es ist nicht nur der Regen – auch die Dämme … aber, was glaubt ihr Jungs, wer wird die größeren Schäden davon tragen, die Bürgermeister, die Senatoren, die Ingenieure, die die Dämme konstruiert haben oder das einfache Volk? Wer sind denn die Leute in den Flüchtlingscamps? Vornehmliche Schwarze. Die dürfen nämlich nicht einfach abhauen. Nee, aber sie dürfen die Sandsäcke schleppen. Ohne Bezahlung. Die Weißen bekommen in den Camps gute Kleidung, während die Schwarzen dort halbnackt und ohne Schuhe herumlaufen müssen. Rettungsboote nehmen oft die Schwarzen nicht mit. Mit solchen Sachen muss Schluss sein.  Ich seh‘ schon, ich versteht gar nicht wovon ich rede.
Carl setzt große Hoffnung in euch. Schön, dass Edmund euch geschickt hat. Ihr seid sicher gute Jungs, gerade jetzt brauchen wir die Guten. Die Sache an der Carl arbeitet wird die Welt verändern, sie wird sie besser und gerechter machen. Euer kleines Päckchen wird uns hoffentlich endlich den Durchbruch bringen.“

„Was für eine Sache?“, flüsterte Walter.
„Ich weiß darüber auch nichts. Mertzbach hat mir nur was für Mr. Feinhals mitgegeben“, antworte Thomas.
„Und wir treffen Mr. Feinhals noch heute?“, wollte Walter wissen.
„Wenn wir Glück haben sind wir Morgen am Bayou. Dort treffen wir meinen Vater“, rief Engelbert Feinhals von vornen.


Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Geschichte „Die brennende Kugel“. This is a fictional document!

Der Mann mit der Maske

Abschnitt 2

Baton Rouge
August 1949

Thomas Hünighusen war ein bescheidener Mann. In seinem Haus fand Kober nur wenig persönliche Dinge. Alles hätte in einen großen Koffer gepasst. Kleidung, Bücher, Rasierer, ein paar Fotos und Briefe. Seine Frau sagte, er hätte noch einige Unterlagen im Haus von Carl Feinhals. Thomas hätte stets ein Notizbuch mit sich geführt. In diesen hätte er Reisen geplant und auch Reiseberichte verfasst.
Nach seinen Gesprächen in Houston hatte Kober nur einen kurzen Abstecher nach Baton Rouge machen wollen. Er hatte nicht lange gebraucht, um das Haus der Familie Hünighusen zu finden. Seine Tochter Megan öffnete die Tür. Ihr Vater sei nicht da. Sie zögerte. Sie würden ihn seit ein paar Tagen vermissen, ihre Mutter wäre bereits bei der Polizei gewesen. Seltsam, erst diese Sache mit der Flamme, vor der ihm Paul in seinem Brief berichtet hatte, und nun war Thomas verschwunden. Vielleicht gab es da einen Zusammenhang.  Kober wollte den Hünighusen finden.
Nachdem Kober sich einig wenig im Haus umgesehen hatte, wollte er zum Haus von Carl Feinhals, dem Arbeitgeber von Thomas. Nach dem Tod von Feinhals verwaltete Thomas weiterhin die Sammlung für die Universität. Gleich als er das Haus betrat, fühlte Kober etwas Sonderbares. Das Haus war ein wenig gruselig. Die ganzen Gegenstände der Indianer: Darstellungen mythischer Gestalten, Hautmalereien, Keramiken mit Tiergestalten verziert, Fächer aus Adlerfedern, lange Holzpfeifen, Handtrommeln, hölzerne Masken wie sie bei Stammeszeremonien benutzt wurden, ein großes Kanu, Medizinbeutel, Kleidung, Federschmuck und Waffen aus verschiedenen Epochen.

[Video: „Der Mann mit der Maske“] Video-Player00:0002:48

Schon im Eingangsbereich überkam Kober ein Gefühl, als hätte an dieser Stelle,  – vor einem Augenblick noch! – ein Mensch gestanden. Er horchte in das Haus hinein, hörte aber nichts. Doch war weiterhin die Präsenz eines Menschen zu spüren! – er folgte ihr. Vorsichtig ging er zur Treppe und stieg Stufe um Stufe, fast geräuschlos, ins obere Stockwerk. Den Raum, den er dort betrat, war sehr dunkel. Er glaubte den Menschen nun in einer Ecke stehen zu sehen. Nur einen Umriss eines Menschen. Er ging vorsichtig weiter in den Raum hinein. Die Kontur stand nun vollkommen bewegungslos da. Kober näherte sich ihr langsam und stürzte sich urplötzlich mit einem Satz auf sie. Hinter sich hörte er ein Lachen. Kober hatte nur eine Puppe angegriffen. Er schüttelte sich.  Als er sich umdrehte, stand die unbekannte Person ihm direkt gegenüber. Vergeblich tastete Kober nach einem Lichtschalter. Die Person schien nicht zu atmen, bewegte sich nicht und hätte genauso gut ein Stück Holz sein können, hätte Kober nicht das Gefühl ihrer Anwesenheit, ihrer Präsenz gespürt. Der Blick des Anderen schien Kober fast zu durchbohren, obwohl er noch nicht mal dessen Augen sehen konnte.
Frostige Kälte drang in ihn ein. So, wie in einer kalten Nacht in seinem Heimatdorf. Kober begann heftig zu zittern. Raureif bedeckte seinen Körper. Der ganze Raum war voller Frost. Sein Herz hämmerte wie verrückt. Er versuchte instinktiv, seinen Körper aus der frostigen Starre zu befreien. Er bewegte sich nun tatsächlich auf die Gestalt zu. Als er nur noch zwei Meter von ihr entfernt war, konnte er auch endlich erkennen, dass er tatsächlich einem Menschen gegenüber stand. Einem, der eine Indianermaske trug und eine Decke umgeschlungen hatte. Mit einem Satz sprang Kober auf ihn. Er sah nun das Weiße in den Augen, die ihn durch Maske anfunkelten. Doch, die Person konnte sich dem Zugriff entziehen, verpasste Kober stattdessen einen Fausthieb, so dass er krachend gegen die Wand prallte und dabei einige Gegenstände von der Wand riss. Kober holte tief Luft. Er griff – nun außer sich vor Wut –  nach einem Speer, der mit ihm zu Boden gegangen war und schleuderte ihn in die Richtung, in der er seinen Gegner vermutete. Mit lautem Getöse prallte dieser gegen einen Schrank und stolperte dann gegen eine Vitrine, deren Glas brach. Die Vitrine stürzte mit all den darin lagernden Gegenständen über ihn nieder.
Kober fand nun endlich einen Schalter. Machte Licht und trat dann an den am Boden liegenden heran. Er zog ihm die Maske vom Gesicht.

[Video: „Was sind das für Methoden?“] Video-Player00:0003:46

MAX KOBER: Wer sind Sie?

ROBERT ELLSBERG: Direktor Robert Ellsberg aus New York. Und Sie? Wie ein gewöhnlicher Einbrecher sehen Sie nicht aus.

MAX KOBER: Spielt keine Rolle. Was wollen Sie hier?

ROBERT ELLSBERG [ruhig, versucht die Situation zu entspannen]: Hören Sie, guter Mann. Ich war ein guter Freund von Carl Feinhals, dem kürzlich verstorbenen Besitzer dieses Hauses.

MAX KOBER [Kober zieht Ellsberg vom Boden hoch und drängte ihn mit dem Speer zu einem Stuhl]: Los setzen Sie sich auf den Stuhl da!

ROBERT ELLSBERG: Sie sind sicherlich Max Kober.

MAX KOBER: Gut möglich …
Erzählen Sie mir Ihre Geschichte, die mit Carl Feinhals und seiner Sammlung.

Robert Ellsberg [er seufzt]: Wir haben uns vor über 50 Jahren bei der People‘s Party kennen gelernt. Wir waren beide junge, wilde Männer und wetterten gegen die Eliten. Während ich später durch meine Heirat mit Dorothy McCorley selber zur Elite des Landes gehörte, hat Carl sich während des Studiums weiter radikalisiert.
Nein, er wurde kein Bombenleger.

MAX KOBER: Sondern?

ROBERT ELLSBERG: Nun ja. Er wurde Forscher. Er sammelte. Sie kennen ja wohl seine Sammlung hier. Die indianische Kultur, ihre Religion, mit ihren Geschichten. Das wurde sein Forschungsfeld.

MAX KOBER: Sehr radikal find ich das aber nicht.

ROBERT ELLSBERG: Äußerlich nicht. Später entwickelte er spezielle Methoden, wie soll ich sagen, Methoden, mit denen man so etwas wie  – „die Seelen tauschen“  kann. Klingt ziemlich verrückt, ich weiß…

MAX KOBER: Allerdings. Seelen tauschen? Was sind das für Methoden?

ROBERT ELLSBERG: Konkretes weiß ich natürlich nicht.

MAX KOBER [energisch/drohend]: Ach, Blödsinn! Los, Mann. Was wissen sie?

ROBERT ELLSBERG [nach Luft ringend/Kober würgt ihn]: Schon … gut. Ich weiß wenig. [spricht wieder halbwegs normal] Durch Seelentausch wollte er die Gesellschaft verändern. „Böse“ gegen „Gute“ tauschen. Er nannte seinen Club „Visions For A Better Society“. Er experimentierte dabei mit Methoden die er von den Indianern übernahm. Kombinierte sie. Es gab auch Kontakte nach Deutschland. Dieser Junge brachte etwas mit. Keine Ahnung was. –  Nun jedenfalls wurde es überhaupt erst möglich, dass Carl sein Vorhaben umsetzen konnte.

MAX KOBER: Welcher Junge? Meinen Sie Thomas? Kennen Sie Thomas Hünighusen, den Assistenten von Feinhals?

ROBERT ELLSBERG: Ja. – Wir hatten uns aus den Augen verloren, Carl und ich. Ich wollte schon seit längerem Carls Sammlung kaufen. Ich hatte ihm auch mehrfach Angebote unterbreitet. Carl lehnte stets ab. Nun, nach Carls Tod, wollte ich bei Thomas nachfragen. Die Eigentümerverhältnisse dieses Hauses sind ein wenig kompliziert.

MAX KOBER: Das heißt, Sie haben jetzt Thomas getroffen?

ROBERT ELLSBERG: Wir hatten ein Treffen in Morrisonville vereinbart. Doch er ist zur vereinbarten Zeit nicht erschienen.

MAX KOBER: In Morrisonville? Liegt das nicht auf der anderen Seite des Mississippi?

ROBERT ELLSBERG: Genau. Ziemlich trostloses Nest. Carl hatte ganz in der Nähe ein altes Sägewerk. Das hat er vor etlichen Jahren preiswert gekauft.

MAX KOBER: Wann sollte das Treffen denn stattfinden?

ROBERT ELLSBERG: Bereits im letzten Monat. Ist schon ein paar Wochen her.

MAX KOBER: Ein paar Wochen? An das Datum können Sie sich nicht erinnern?

ROBERT ELLSBERG: Nein. So um den fünfzehnten, sechzehnten vielleicht?

MAX KOBER: Seine Familie hat ihn da als vermisst gemeldet. Ich habe den Verdacht, dass Thomas sich im Sägewerk befindet. Ich glaube irgendwer hält ihn dort gefangen. Waren Sie früher mal beim Sägewerk?

ROBERT ELLSBERG: Ja, einmal. Irgendwann in den 20er Jahren. Carl hatte es da gerade erst erworben. Liegt irgendwo bei Morrisonville, direkt an einem Bayou. Ich fahr‘ Sie hin. Die Leute in Morrisonville werden uns sicherlich den Weg erklären können. Da gibt es ja sonst nichts.


Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Geschichte „Die brennende Kugel“. This is a fictional document!

Das Verhörprotokoll

Abschnitt 1

Schau in den Turm. Der alte Turmaufstieg. –
Du betrittst die Treppe. –
Vor dir der dunkle Gang. –
Weiter oben hörst du ein Surren. –
Dann ein Fauchen, halb tierisch, halb mechanisch. –
Die Männer hinter dir weichen erschrocken zurück.

Du gehst weiter, du erwartest ein Tier da oben, gar ein Monster. –
Das Licht deiner Lampe erreicht das Ende des Ganges. –
Kelche, eine Monstranz, ein Buch und ein Bündel Papiere liegen auf den Stufen. –
Und eine Kugel aus Metall, an der sich nun kleine Klappen öffnen. –
Im Innern der Kugel wütet ein Feuer. –
Dämpfe gelangen in deine Nase.

Irgendetwas umschlingt deine Arme. –
Alles wird enger, so dass du bewegungslos erstarrst. –
Alle Lebensgeister in dir ist der Weg versperrt. –
Deine Sinne sind gebunden.

Das Licht deiner Lampe erlischt. –
Wald umgibt dich. –
Äste und Blätter werden dichter. –
Um dich herum schwirren Insekten, stechen und beißen dich.

Zwischen dem Grün steht ein Mensch. –
Du spürst seine Nähe. –
Er berührt dein Gesicht. –
Sein fauliger Atem erreicht deine Nase. –
Seine Worte erreichen dein Ohr.

Der Wald verschwindet. –
Die Männer helfen dir auf die Beine. –
Du steckst die Kugel und die Papiere ein. –
Das menschliche Wesen, hältst du in deinem Gedächtnis. –
Es ist die unsterbliche Seele des Fut-Fo-Yer. –
In einem fremden Körper, auf der anderen Seite der Zeit.

Liverpool
Juli 1949

Schon seine Großmutter hatte Dragees hergestellt. Am ersten Weihnachtstag trafen sich die Familien Kober und Schiffer bei ihr in Jülich. Jedes der Kinder bekam dann eine Tüte mit diesen Dragees. In ihren Dragees waren Mandeln, Pistazien oder Nüsse.
Max Kober hingegen überzuckerte Tabletten und Pillen. Sie schmeckten nicht so köstlich wie die Dragees von Clara Schiffer. Im Gegenteil, lutscht man den Zucker ab, so hat der darunterliegende Kern einen unangenehmen Geschmack. Die Dragees die Kober herstellt, enthalten Arzneien, die der Patient nicht schmecken will, dessen Wirkung sich nicht auf der Zunge entfaltet, sondern erst im Darm. Doch die Herstellung ist bei der einen Art wie bei der anderen. Bei beiden werden die Kerne in einem rotierenden Dragee-Kessel aus Kupfer mit Zucker überzogen.
Kober saß zusammen mit einer Mitarbeiterin in seiner Laborbox. In sechs solcher Boxen arbeiteten sechs Chemiker mit je einem Assistenten. Regalwände trennten die Boxen ab. In den Regalen waren zahlreiche Reagenzgläser, Erlenmeyer-Kolben, Reibschalen mit Pistill, Porzellantiegel, Pyknometer, Vollpipetten, Meßzylinder, Chemikalienflaschen und Glastrichter sowie über 100 Reagenzien. Auf dem Tisch davor stand ein Drahtnetz mit Asbesteinsatz auf einem Dreifuß, Abdampfschalen, eine Handwaage, eine Bürette mit Glashahn, verschiedene Wannen, einen Bunsenbrenner. Jede Box im Versuchslaboratorium von Clough & Hanley hatte Anschlüsse für Druckluft, Vakuum, Wasser und Gas. Die Gase wurden aus Gasbomben im Untergeschoß zu den Laborarbeitsplätzen geführt. Es gabt Arbeitstische die für die Einzel- und für die Gruppenarbeit geeignet waren. Neben der Wasserbecken war eine Wasserbrause, die zum Spülen bei Unfällen benutzt wurde.
In seiner Box hatte Max Kober auf einem der Arbeitstische den Dragee-Kessel platziert. Für ein neues Medikament hatte er eine Versuchscharge hergestellt, die er nun noch überzuckerte, so dass die Arznei vor Sauerstoff und Feuchtigkeit geschützt wurde. Zusammen mit einer Mitarbeiterin hat er den beheizten Kessel eingerichtet. Das Dragieren der Versuchscharge würde sie alleine übernehmen. Er ging hoch in sein Büro.
Oben angekommen warf er den weißen Kittel über den Besucherstuhl und sich schwer atmend in seinen Drehstuhl. Seit er nicht mehr Fußball spielte hatte er stark zugenommen. Die 98 Kilo die er mittlerweile auf die Waage brachte, waren für seine knapp ein Meter achtzig zu viel. Vielleicht sollte er auch mit dem Rauchen anfangen, dies würde möglicherweise seinen Hunger zügeln. Er seufzte, schob das Gedankengemisch an Übergewicht, Rauchen und Hunger beiseite und kramte stattdessen in der Post, die bereits auf seinem Schreibtisch lag. Endlich war auch der Brief der Arthur Colton Company aus Detroit mit einem korrigierten Angebot für eine Pill Forming Machine angekommen. In ein paar Tagen würde er zu einer Reise in die USA aufbrechen und sich eine solche Maschine in Houston in Aktion ansehen. Kober war bereits seit über 15 Jahren bei der Liverpooler Arzneimittelfabrik Clough & Hanley beschäftigt. Schon während seiner Ausbildung an der School of Pharmacy in Liverpool hatte er hier einen ersten Job gehabt. Auch während des Chemiestudiums hatte er hier gearbeitet. Mit 32 Jahren hatte man ihn vor zwei Jahren zum Leiter des Versuchslaboratoriums an der Hanover Street befördert. Er war Mitglied der Royal Pharmaceutical Society und Honorardozent an der School of Pharmacy.
Die Beschäftigung mit Arzneimitteln lag in der Familie. Sein Vater war in Deutschland vier Jahrzehnte als Apotheker tätig gewesen, bis er in den dreißiger Jahren mit seiner Familie fliehen musste. Sie waren in Liverpool sesshaft geworden. Die Kriegsjahre waren für sie als Deutsche in England nicht immer einfach gewesen. Halt hatten sie in der deutschen evangelischen Kirche gefunden, in der Kobers Frau Marianne sehr aktiv war. Sie stammte aus einer alteingesessenen deutschstämmigen Familie, die schon im frühen 19. Jahrhundert aus Norddeutschland nach England gekommen war, um in den Zuckerfabriken im Norden der Stadt zu arbeiten. Gustav Dorn, der als erstes nach Liverpool gekommen war und damit Stammvater der Familie, soll vor hundert Jahren mit an der Gründung der deutschen Kirche in Liverpool beteiligt gewesen sein. Auch wenn die Dorns sich noch manche deutsche Tradition bewahrt hatten, so waren sie doch seit langem englische Staatsbürger und boten den Kobers nun auch einen gewissen Schutz.
Auf dem Tisch lag auch der Brief von Paul Hünighusen, den er am Vortag erhalten hatte. Er wollte ihn nochmals genau durchlesen, denn zuhause bekam er wegen der Kinder nicht immer genügend Ruhe. Er schaute hinüber zum Stanley Building. In Gedanken war Kober aber im Dorf seiner Kindheit. Sein Freund Paul hatte ihm in seinem Brief von einem alten Verhörprotokoll berichtet. Paul war Polizist in Köln und hatte sich so Zugriff auf das Protokoll von 1926 verschafft. Der Verhörte Edmund Mertzbach war ein Nachbar aus ihrem Heimatdorf Lindlar. Die ihm vorgeworfene Tat hatte er geleugnet.
In den 1890er Jahren war Mertzbach ausgewandert. Er war als Naturforscher in Süd- und Mittelamerika aktiv gewesen. Sammelte hauptsächlich für Museen. Nach einer Fußquetschung musste ihm das rechte Bein amputiert werden und er war ins Rheinland zurückgekehrt.  Seit 1923 hatte er mit seiner Frau in Lindlar gewohnt.

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Der Dorfkern von Lindlar. Hier wuchsen Thomas, Paul, Max und Ida auf …

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… und auf der Wiese neben dem Grundstück von Mertzbachs spielten sie Fußball.

Pauls Brief hatte Kober wieder die verdrängte Angelegenheit in Erinnerung gerufen. Lange hatte er sie ausgeblendet, aber sie lauerte stets düster und an ihm zerrend in seinem Hinterkopf.
Das Verschwinden und der Tod der kleinen Ida Tiemann hatte im Dorf für großes Entsetzen gesorgt. Die Tochter des Ladenbesitzers Wilhelm Tiemann war eine Freundin von Paul Hünighusen und Max Kober. Beide waren beim Tod des Kindes anwesend. Paul, Max und Ida hatten hinter der Kirche gespielt. Dort war eine Mauer mit einer Treppe zur Gaststätte. Und von dieser Mauer ist Ida wohl runtergestürzt. Sie schlug mit dem Kopf auf und starb noch an der Stelle. Wie es tatsächlich passiert war, hatten Paul und Max nicht gesehen. Alles war so schnell gegangen. Hatten sie mal wieder den Ball gegen die Kirchenwand geworfen? War der Ball die Treppe runter geflogen und Ida ihm nachgelaufen? Oder war es gar zum Streit zwischen den Kindern gekommen?
Mittlerweile waren dies für Kober nur noch Spekulationen. Seine Erinnerungen setzen erst wieder ein, als sie das Mädchen neben der Treppe liegen sahen. Es war im September, an einem Abend, es dämmerte bereits. Paul lief nach Hause, holte den Vater, der sollte helfen. Der Vater kam mit Pauls Stiefbruder Thomas. Johann Hünighusen sah bereits das Unglück über seine Familie niederbrechen.
„Was habt ihr getan? Das ist die Strafe“, jammerte Hünighusen. „Welche Schande, meine Jungs sind am Tod eines Mädchens beteiligt. Oh Herr, vergib mir.“
Denn so wie Idas Gesicht verunstaltet war, glaubte er nicht an einen Unfall. Hünighusen war in die Knie gegangen und reckte seine gefalteten Hände zum Himmel. Er schien nun zu beten. Bekreuzigte sich auch nach kurzer Zeit und zog sich an Thomas hoch.
„Junge, hol schnell die Karre. Das Mädchen muss weg von hier.“
Und so beschloss er Ida im Mühlenteich zu versenken. Er verbot Paul und Max über die ganze Angelegenheit ein Wort zu verlieren.
Die Spur wollte der alte Hünighusen auf Edmund Mertzbach lenken, indem er am Teich dessen Humpeln imitierte.
An einem Mann mit Holzbein erinnerten sich die Nachbarn dann auch bei den Befragungen der Polizei, nachdem Anfang Oktober endlich die Leiche des Mädchens entdeckte worden war. Ida Tiemann galt bis dahin als vermisst. An einem Mord hatte niemand gedacht. Zahlreiche Gerüchte hatte es im Dorf gegeben. Das Mädchen sei nach einem Streit weggelaufen. Ein durchfahrender Fremder hätte sie entführt. Andere wollten das Mädchen gar in Ründeroth gesehen haben und hatten die dortige Polizei verständigt.
Kaum hatten die Befragungen im Dorf begonnen, nahm sich die Polizei Edmund Mertzbach als Tatverdächtigen vor. Dem Mertzbach hat sein striktes Leugnen nichts gebracht. Er wurde inhaftiert und erst nach Wochen wieder entlassen. Mertzbach war nach der Haft ein gebrochener Mann. Er starb kurz darauf.
Paul und Max fühlten sich nach dem Tod ihrer Freundin schuldig, wussten aber gar nicht was geschehen war. Drüber reden konnten sie mit niemanden. Max wusste zu welchen Strafen Pauls Vater in der Lage war. Und verschonen würde er auch Max nicht, auch wenn dies gewaltigen Ärger mit Herbert Kober nach sich ziehen würde.
Aus dem Verhörprotokoll ging hervor, dass das Verhör unter Hypnose stattgefunden hatte. Diese Methode war gerade neu aufgekommen. Aus Jena war extra die Spezialistin Frieda Gehren angereist.
Nachdenklich stützte Kober den Kopf in die Hand. Es ging wohl um die im Verhörprotokoll erwähnte sonderbare Flamme, die Thomas nach Louisiana bringen sollte. Kober schüttelte leicht den Kopf und rieb sich seine Bartstoppeln.

Gehren: Waren Sie an dem Abend an der Kirche?
Mertzbach: Ich selber bin nicht da gewesen, ich habe Thomas hingeschickt, er sollte die Flamme holen, die er zu meinem Freund Carl Feinhals nach Louisiana in Amerika bringen soll. Ich hab‘ dazu nicht mehr die Kraft.
Gehren: Wozu nicht die Kraft?
Mertzbach: Ich bin 64 Jahre alt, meine Gesundheit, Sie verstehen, man ist nicht mehr so so leistungsfähig. Mein kaputtes Bein macht mir Probleme. Solche Sachen kann ich nicht mehr machen. Und die weite Reise nach Louisiana muss der Junge machen.
Gehren: Dann haben Sie vor der Kirche gewartet?
Mertzbach: Nein.
Gehren: Dann ist das Mädchen Ida gekommen?
Mertzbach: Nein, er ich kenne das Kind nicht.

Zusammen mit seinem Vetter Walter Niess war Thomas 1927 nach Louisiana gereist. Später hatte er dort auch geheiratet und lebte seitdem in Baton Rouge. Pauls Kontakt zu seinem Bruder war eher mäßig. Seine Schwester Gesa schrieb Thomas regelmäßig Briefe. Erst nach dem Krieg hatte sich der Kontakt zwischen den Brüdern etwas verstärkt. Sie schrieben nicht nur Grüße zu Weihnachten, sondern fünf oder sechs Briefe schickte Paul nun im Jahr nach Übersee, und Thomas schickte ähnlich viele zurück. So hatte er einiges von seinem Bruder über dessen Arbeit und das Familienleben erfahren. Thomas hatte auch von der großen Flut am Mississippi 1927 geschrieben und wie er dann bei Carl Feinhals als Gehilfe angefangen hatte. Aber das er etwas für Edmund Mertzbach mit genommen hätte, davon hatte er nicht geschrieben. Von einer Flamme schon gar nicht. Sicherlich handelte es sich um einen Fehler im Protokoll. Vielleicht hatte sein Bruder tätsichlich etwas für Mertzbachs Freund mitgenommen. Aber eine Flamme?

Kobers Telefon schrillte. Er hob den Kopf. Ließ wie immer dreimal klingeln, drehte sich zum Schreibtisch und griff zum Hörer als der Apparat gerade zum vierten Klingelsignal ansetzte. Jane Maxwell war in der Leitung.
„Ja, Miss Maxwell, ich bin in ein paar Minuten bei Mister Fleet. Ja, das Angebot bringe ich mit.“
Er würde Paul erst nach seiner Rückkehr aus Houston antworten können. Die Reise erforderte noch einige Vorbereitungen. Zum Glück hatte Miss Maxwell, die Sekretärin von Doktor Fleet, die meisten organisatorischen Arbeiten übernommen. Aber mit seinem Chef James Fleet, der nicht mitfliegen konnte, würde er noch Details besprechen müssen.
Aus dem Schrank holte er sich sein Jacket. Kämmte seine schwarze Stirnlocke nach hinten und warf noch einen Blick in den kleinen Spiegel. Unter dem fahlen Licht der Bürolampe sah seine Haut bleich und schlaff aus. Die Sonne Texas würde ihr gut tun.

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Hanover Street in Liverpool (Bild 1992; Infos zum Bild).

Hinweis: Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Geschichte „Die brennende Kugel“. This is a fictional document!

Die brennende Kugel – eine transmediale Geschichte

Eine transmediale historische Geschichte von Günter Sahler.

Der ehemalige Naturforscher Edmund Mertzbach wird im Herbst 1926 verdächtigt, die zwölfjährige Ida Tiemann umgebracht zu haben. Kriminalpolizei kommt ins Dorf. Mertzbach wird verhört und festgenommen. Jahre später findet der Polizist Paul Hünighusen das Verhörprotokoll. Immer wieder hat Mertzbach im Verhör die Schuld am Tod des Mädchen geleugnet. Paul wird stutzig, als in dem Protokoll die Reise seines Bruders Thomas nach Louisiana erwähnt wird. Er sollte im Auftrag von Mertzbach ein Päckchen an den Anthropologen Carl Feinhals liefern. Wenig später wird Thomas von seiner Familie als vermisst gemeldet. Paul schreibt seinem Freund Max Kober, der sogleich nach Baton Rouge reist und der Sache auf den Grund gehen will.

Thomas Hünighusen lebte von 1927 bis zu seinem Tod 1949 in Baton Rouge, Louisiana (USA). Geboren und aufgewachsen ist er in Lindlar, Bergisches Land.

Die brennende Kugel – eine transmediale Geschichte

Die brennende Kugel – Extras

Credits

Rollen und Sprecherinnen:

Kristina Haybach … Bea Dietz
Robert Ellsberg … Ralf-Dieter Dlubatz
Max Kober … Torstn Kauke
Erzähler … Günter Sahler

Text:
Günter Sahler

Musik:
Hans Castrup (Ausschnitte aus „Amber Part 1“ bei „Die große Flut“. Die Amber-Aufnahmen können Sie hier bei Bandcamp komplett hören.)
weitere Sounds von Günter Sahler.

Hörspiel-Skript:
Günter Sahler plus Ideen und Korrekturen von Hans Castrup.

Grafik, Video und Field Recordings:
Günter Sahler

Trailer

Dies ist ein fiktives Dokument zur transmedialen Geschichte „Die brennende Kugel“. This is a fictional document!