{"id":19478,"date":"2022-02-19T16:56:16","date_gmt":"2022-02-19T16:56:16","guid":{"rendered":"http:\/\/guentersahler.de\/?p=19478"},"modified":"2025-04-15T17:26:01","modified_gmt":"2025-04-15T17:26:01","slug":"vom-ersten-maschinensatz-zum-desktop-publishing","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guentersahler.de\/?p=19478","title":{"rendered":"Vom ersten Maschinensatz zum Desktop Publishing"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"596\" height=\"842\" src=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/zeitungsleser_illu-mit-Text.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33969\" srcset=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/zeitungsleser_illu-mit-Text.jpg 596w, https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/zeitungsleser_illu-mit-Text-212x300.jpg 212w\" sizes=\"(max-width: 596px) 100vw, 596px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Erschien erstmals 2013 in der Blechluft #7<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"381\" src=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/mediabutton.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-19471\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Vom ersten Maschinensatz zum Desktop Publishing<\/strong><br><strong>Teil 1: Die Setzmaschine \u2013 In the Line of Types<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Ideen f\u00fcr eine Setzmaschine festigten sich in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts. Ziel war es den Setzvorgang maschinell zu beschleunigen. Erste Erfolge erzielten im 19. Jahrhundert William Church, Young und Delcambres Pianotype, die im Prinzip einem Webstuhl ge\u00e4hnelt haben soll, sowie William Haslett Mitchell mit seiner Monoline-Setzmaschine. Dr. A. Mackie baute eine \u201eSteam-Type-Composing-Machine\u201c, die erstmals bei einer Setzmaschine Papierlochstreifen als Texttr\u00e4ger verwendete. Charles Kastenbein (Kassel und Paris) verkaufte 25 Exemplare seiner Setzmaschine an die \u201eTimes\u201c in London, die damit ihre Zeitung von 1871 bis 1908 setzte. Weitere Setzmaschinen kamen von Bauler (St. Petersburg), Dr. Henze (Urbach), Green\/Burr (New York), J. Prasch (\u00d6sterreich) und W. Brackerlsberg (Hagen\/Westfalen). Nachhaltig erfolg- und einflussreich waren die Maschinen von Ottmar Mergenthaler. Der Deutsche baute 1884 eine so genannte Stabsetzmaschine und gr\u00fcndete in den USA die \u201eLinotype Typographic Company\u201c. Mergenthaler verband die Setzmaschine mit der Typengie\u00dfmaschine. Aus \u201ea line of types\u201c wurde die bekannte Marke \u201eLinotype\u201c. Bei der New York Tribune stellte Linotype 1886 seine erste Setzmaschine auf. Kurz vor der Jahrhundertwende stellte Tolbert Lanston seine Monotype vor, eine Bleisetzmaschine die mit Lochstreifen gesteuert wurde. In Berlin wurde noch im 19. Jahrhundert die Mergenthaler Setzmaschinen-Fabrik GmbH gegr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/setzer004.jpg\" alt=\"\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Handsetzerei in den 1930er Jahren.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"695\" src=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/hagen004.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33101\" srcset=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/hagen004.jpg 500w, https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/hagen004-216x300.jpg 216w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Linotype-Plakat: Austellung im Freilichtmuseum Hagen (August 2024)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In den n\u00e4chsten 60 bis 70 Jahren sollte der Satz mit Bleisetzmaschinen der Standard bleiben. Es gab immer wieder Verbesserungen, wie in den 1920er Jahren das Tele-Type-Setting \u2013 ein Fernsatzverfahren von Linotype, bei dem die Texterfassung auf einem Lochsteifenperforator stattfand, mit den erzeugten Lochstreifen wurde dann die Bleisetzmaschine gef\u00fcttert \u2013 oder das Lino-Quick-Verfahren in den 1950er Jahren&nbsp; \u2013 Lochsteifenperforatoren steuerten Zeilengie\u00dfmaschinen \u2013, doch in der zweiten H\u00e4lfte der 1960er Jahre wurde es vor allem in den USA immer schwieriger Bleisetzmaschinen zu verkaufen. W\u00e4hrend Linotype mit der Maschine \u201eEuropa\u201c noch Erfolge erzielen konnte, mussten 1967 Harris-Intertype und Mergenthaler-Linotype in Brooklyn ein Teil ihres Personals entlassen. In Europa hatten die deutsche Linotype und der sowjetische Hersteller Neotype auch noch in den fr\u00fchen 1970er Jahren volle Auftragsb\u00fccher. W\u00e4hrenddessen stellte die amerikanische Mergenthaler-Linotype den Bau von Bleisetzmaschinen 1970 ein. In Europa baute Linotype noch bis 1977 Bleisetzmaschinen. Das Fotosatzverfahren verdr\u00e4ngte nun den Bleisatz. Zwar sah man Bleisatzmaschinen auch noch in den 1980er Jahren in den Betrieben der Druckindustrie, doch stellten in dieser Zeit auch die letzten Betriebe auf Fotosatz um. W\u00e4hrend vor der T\u00fcr bereits die n\u00e4chste Innovationswelle wartete, der Computersatz.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"394\" src=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/hagen003.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33100\" srcset=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/hagen003.jpg 700w, https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/hagen003-300x169.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Setzerei im Freilichtmuseum Hagen (August 2024)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"394\" src=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/hagen002.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-33099\" srcset=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/hagen002.jpg 700w, https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/hagen002-300x169.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Setzerei im Freilichtmuseum Hagen (August 2024)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Vom ersten Maschinensatz zum Desktop Publishing<\/strong><br><strong>Teil 2:<\/strong> <strong>Fotosatz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Entwicklung des Fotosatzes hatte bereits im 19. Jahrhundert begonnen. So entwickelte Eugene Porzolt 1894 eine auf fotografischer Basis arbeitende Setzmaschine und W. Friese-Green meldete 1898 ein Patent f\u00fcr ein Verfahren an. Aber vor dem Zweiten Weltkrieg hatte der Fotosatz kaum Bedeutung. Allenfalls k\u00f6nnte man noch die August-Hunter-Maschine (1925) und die \u201eUhertype\u201c von MAN in Augsburg erw\u00e4hnen. 1949 stellten die beiden Franzosen Louis Moyroud und Ren\u00e9 Higonnet eine Fotosetzmaschine mit dem Namen Lumitype vor, erste Patente dazu hatten sie bereits 1944 angemeldet. Harris-Intertype stellte 1948 mit der \u201eFotosetter\u201c eine zur Fotosetzmaschine umgebaute Intertype-Bleisetzmaschine vor. Die Mergenthaler Linotype Company stieg 1954 mit dem \u201eLinofilm-System\u201c in den Markt ein. Auf der Fachmesse DRUPA (Druck &amp; Papier in D\u00fcsseldorf) stellte der Schriftgie\u00dferei Berthold aus Berlin, das von Hugo Heine entwickelte Akzidenzfotosetzger\u00e4t \u201eDiatype\u201c vor \u2013 1961 ging das Ger\u00e4t in Serienproduktion. Die Weiterentwicklungen der Lumitype kamen von der Firma Photon. Der ehemalige Photon Mitarbeiter Bill Garth gr\u00fcndete mit weiteren Photon Leuten in Wilmington\/USA die Firma Compugraphic, die preiswerte, aber leistungsf\u00e4hige Ger\u00e4te herstellte und damit schnell Markterfolge erzielen konnte. Allerdings hatte man wohl Photon-Patente benutzt. Photon verklagte Compugraphic. Es kam zu einer Verurteilung, Compugraphic musste eine kleine Summe zahlen, konnte dann aber weiterarbeiten. F\u00fcr Photon war dies das Aus. Die Firma wurde mehrfach verkauft und war in den fr\u00fchen 1980er Jahren vollst\u00e4ndig vom Markt verschwunden (vgl. Bluhm 1995, S. g26). In den 1970er Jahren hatte sich der Fotosatz gut entwickelt. Firmen wie Linotype, Berthold, Dr.-Ing. Rudolf Hell, Harris-Intertype, Compugraphic oder AM entwickelten st\u00e4ndig ihre Systeme weiter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom ersten Maschinensatz zum Desktop Publishing<\/strong><br><strong>Teil 3:<\/strong> <strong>Composersatz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schaut man in verschiedene (alternative) Zeitschriften der 70er Jahre und den fr\u00fchen 80er Jahren, so findet man im Impressum bei der Angabe der Setzerei einige Firmen die sogenannten Composersatz machten. Beispielsweise findet man in der Sounds 1973\/74 den Composer-Setzer Niko Jessen in Hamburg, 1974\/75 Erika Schumann ebenfalls in Hamburg oder in der K\u00f6lner StadtRevue 1978 den Composer-Satz-Service St. Augustin bzw. Stadt-Revue-Composer in Zusammenarbeit mit dem Satzstudio Ingrid Horlemann\/K\u00f6ln (hier wurde im Herbst 1980 auch die erste Spex gesetzt und Fr\u00fchjahr 1981 die einmalige Ausgabe des \u201eRock Magazin \u2013 Szene K\u00f6ln\u201c). Vgl. Anzeige vom Satzstudio Horlemann in Rock Magazin S. 53<\/p>\n\n\n\n<p>Die IBM Composer-Schreibmaschine verbreiteten sich seit den 1960er Jahren. Diese Maschinen hatten nicht die \u00fcblichen Typenhebel mit den einzelnen Buchstaben, sondern auf einem Kugelkopf befanden sich 88 Zeichen. Dieser Kugelkopf (Typeball) drehte sich je nach angeschlagener Taste. Ein Kopf konnte schnell ausgebaut und durch einen Kopf mit einer anderen Schrift ersetzt werden. Spannte man in die Schreibmaschine ein spezielles Barytpapier ein, so konnte dieses sp\u00e4ter nach Aufbringen des Textes als Kopiervorlage f\u00fcr den Offsetdruck benutzt werden. Barytpapier wurde auch mit dem noch weitverbreiteten Bleisatz bedruckt, um mittels Kontaktkopierger\u00e4ten einen Negativfilm f\u00fcr die Offsetdruckformherstellung zu erstellen. Qualitativ wird der Composersatz \u00fcber das Beschreiben von Barytpapier \u00e4hnlich dem Bleisatz gewesen sein. Den Vergleich mit dem Fotosatz konnte man damit aber nicht aufnehmen. Aber daf\u00fcr war der Composersatz wesentlich preiswerter. F\u00fcr kleine Zeitschriften war dies ein wichtiger Vorteil. Daher kann man den Composersatz als Vorl\u00e4ufer des einige Jahre sp\u00e4ter aufkommenden Desktop Publishings ansehen. Der Composer konnte nun auch geringe Textmenge auf einem Magnetband speichern, so dass die Ausgabe auf Papier nicht die einzige Speicherung blieb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom ersten Maschinensatz zum Desktop Publishing<\/strong><br><strong>Teil 4:<\/strong> <strong>User-Interfaces<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ab den sp\u00e4ten 1970er Jahren spielte der so genannte B\u00fcrosatz immer mehr eine Rolle. Dabei erfolgte von B\u00fcromaschinen eine Daten\u00fcbernahme f\u00fcr den Fotosatz. W\u00e4hrend Linotype 1979 die erfolgreiche Fotosatzger\u00e4t CRTronic vorstellte, hielt langsam der Personal Computer Einzug in die B\u00fcros. Bereits 1977 hatte es mit dem Apple II den ersten vollwertigen Personal Computer gegeben. Die beiden Gr\u00fcnder von Apple Computer Stephen Wozniak und Steve Jobs hatten sicherlich nicht die Verdr\u00e4ngung der Fotosatzsysteme im Sinn, als sie 1976 ihre Computerplatine Apple I fertigten. Doch 1984 war der Apple Macintosh einer der Komponenten des Desktop Publishings.<br>Noch war die Herstellung von Druckerzeugnissen weitgehend in den H\u00e4nden der Druckindustrie. Der Kunde konnte seine Texte mit einer Schreibmaschine erfassen und seinen Manuskriptstapel bei der Druckerei abgeben. Dort wurde der Text dann noch mal erfasst und mit typografischen Satzbefehlen versehen. Dabei war das Auszeichen der Texte und die Bedienung im allgemeinen nicht so einfach wie mit heutigen Textverarbeitungsprogrammen, sondern es mussten spezielle, teilweise komplizierte Satzbefehle mit in den Text integriert werden. Dadurch sah man nicht das Endergebnis auf dem Bildschirm, sondern ausschlie\u00dflich Text und Satzbefehle. Das tats\u00e4chliche Ergebnis erhielt man erst durch Belichtung auf Fotosatzfilm. Dass diese \u201eblinde\u201c Arbeitsweise nicht von Vorteil ist, hatte man in der Druckindustrie schon erkannt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eEine &#8230; Schw\u00e4che des Computersatzes ist heute (noch), das der Setzer vorwiegend \u201ablind\u2019 arbeiten muss, wenigstens was die Gestaltung angeht. An seinem Bildschirm sieht er zwar den textlichen Inhalt, aber der ist eingerahmt von un\u00fcbersichtlichen Satzbefehlen, die dem Text seine Form geben sollen. Ob es die richtige Form ist \u2013 die richtige Satzbreite, die richtige Unterschneidung, die gew\u00fcnschte Linienst\u00e4rke oder r\u00e4umliche Aufteilung \u2013, erf\u00e4hrt der Fotosetzer erst, wenn ihm die Belichtung vorliegt.\u201c <\/em>(Der Druckspiegel, Drupa 1981, Seite 24)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Setzer waren zwar auch Experten f\u00fcr Typografie, vor allen Dingen konnten sie aber ihre Setzmaschine bedienen und hatten auf mehrw\u00f6chigen Kursen bei den Maschinenherstellern die Satzbefehle erlernt. Sie waren damit gut ausgebildete Operatoren die Nur-Text-Interfaces bedienten:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eEin weitaus gr\u00f6\u00dferes Problem war die Erlernung der abstrakten Befehlssprache f\u00fcr die vielen Satzparameter, insbesondere da jeder Hersteller eine eigene Befehlssprache entwickelt hatte. Ein Wechsel auf ein anderes System war immer mit einer neuen Umschulung verbunden. F\u00fcr die Erstellung von einfachem Mengensatz setzte man an den Fotosetzanlagen vermehrt Frauen ohne typografische Kenntnisse ein. Ihre Manuskripte wurden vorg\u00e4ngig von erlernten Typografen<\/em> [Anm.: schweizerische Bezeichnung f\u00fcr den Setzer]<em>, den Arbeitsvorbereitern, codiert. Diese Befehlsstrukturen konnten dann mit dem Text fortlaufend mitgetastet werden. Schwierige typografische Arbeiten waren aber weiterhin den erlernten Typografen vorbehalten, die die abstrakten Befehle gedanklich in die typografischen Regeln umsetzen konnten.\u201c<\/em> (Schmitt, G\u00fcnter: \u201eSchriftsetzer-Typograf\u201c, Arau 1990)<\/p>\n\n\n\n<p>Satzsysteme verlangten vom Setzer demnach ein abstraktes Vorstellungsverm\u00f6gen, denn alle Anweisungen, die dem System gegeben wurden, mussten \u00fcber Satzbefehle eingegeben werden. Bis Mitte der 1970er Jahre hatte man zur Textkontrolle nur eine Displayanzeige mit wenigen Zeichen; mit Einf\u00fchrung von Bildschirmen an Fotosetzmaschinen (ab 1974) konnte der Setzer Textinhalt und Satzbefehle einer ganzen Seite sehen. Aber erst mit den Umbruchterminals (ab 1977) konnte der Setzer auch vor der Belichtung auf Film die typografische Wirkung der Satzbefehle sehen. Wer sich mit der Auszeichnungssprache f\u00fcr das World Wide Web HTML besch\u00e4ftigt hat, wird dies nachvollziehen k\u00f6nnen: In einem Texteditor sieht man den Text und die HTML-Befehle der Webseite (vergleichbar mit einem normaler Bildschirm eines Fotosatzger\u00e4tes). Das richtige Aussehen sieht man erst im Webbrowsern wie Firefox, Internet Explorer oder Chrome (vergleichbar mit einem Umbruchterminal).<\/p>\n\n\n\n<p>Satzsoftware auf Personal Computern (ab 1982), das Electronic Technical Publishing (ETP, 1985\/86) auf Standardplattformen und schlie\u00dflich Desktop Publishing (DTP, 1986) setzten die traditionellen Satzhersteller mehr und mehr unter Druck. Bei ETP- und DTP-Software mussten keine Satzbefehle mehr eingegeben werden, sondern man konnte Text und Bild sofort in Echtdarstellung auf dem Bildschirm sehen. Diese Entwicklungen beruhten auf Forschungsarbeiten bei Xerox in den 1970er Jahren und wurden von Apple zur Marktreife gef\u00fchrt. Man hatte nun grafische Interfaces, die Graphical-User-Interfaces (GUI). Die bis zum Aufkommen der Natural-User-Interfaces (NUI) bei Smartphones und Tablets das Ma\u00df aller Dinge sein sollten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom ersten Maschinensatz zum Desktop Publishing<\/strong><br><strong>Teil 5:<\/strong> <strong>Desktop Publishing<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bis es 1986 zu den \u201edrei unaussprechlichen\u201c \u2013 so nannte Arnold&nbsp; Ihlenfeldt 1990 DTP in der Fachzeitschrift Deutscher Drucker \u2013 kam, mussten neben dem Macintosh von Apple noch drei weitere wichtige Dinge geschaffen werden. Erstens das Layoutprogramm PageMaker von Aldus, zweitens die Seitenbeschreibungssprache PostScript von Adobe und drittens den Drucker Laserwriter Canon, der PostScript verstand. Mit diesem Paket hatte man zugleich eine kleine Setzerei und Druckerei auf dem Tisch stehen, so dass der Aldus-Chef, Paul Brainerd, die Benutzer dieses Paketes als \u201eDesktop Publisher\u201c bezeichnete. Desktop Publishing war geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gespr\u00e4ch mit Suzanne Crocker erz\u00e4hlte Paul Brainerd vor ein paar Jahren (2006) wie es zu dem Begriff kam:<\/p>\n\n\n\n<p><em>&gt;&gt;Suzanne<strong> <\/strong>Crocker:\u201cI want to return to that phrase \u2018desktop publishing\u2019 because, of course, you are the inventor of the term. How did that come to you, and when was the first time you used the term?\u201d<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Paul Brainerd: &#8222;We were discussing the marketing plan in a board meeting with the investors who were involved, so it had to be probably in the late fall of \u201984. We were still talking about this whole idea with lots of words \u2013 putting text and graphics on pages, et cetera, et cetera, et cetera. One of the board members said, \u201cWe\u2019ve got to come up with a simple two-word explanation. There are way too many words here. We\u2019ve got to boil this thing down.\u201d And one of them said, \u201cCould it be desktop-something?\u201d And I said, \u201cHow about desktop publishing?\u201d That was all that was said; we didn\u2019t dwell on it. Two weeks later, I came back to it, because it stuck in my mind. I said, \u201cLet\u2019s just use desktop publishing.\u201d And from then on, we used it in all our materials.\u201d<\/em>&#8220; (Oral History of Paul Brainerd, 2006)<\/p>\n\n\n\n<p>Aldus hatte PageMaker zun\u00e4chst f\u00fcr die Profis vorgesehen, erkannte dann aber, dass das Programm auch f\u00fcr kleinere Firmen geeignet war. Brainerd erz\u00e4hlte:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201cWhen we first formed the company in January or thereabouts of \u201984, it was essentially for the professional user. But, I made one really smart move, which was we loaded everybody up in my Saab \u2013 myself and the three engineers \u2013 and we took a ride down Interstate 5 to meet with potential customers. And talk to them about what it was that we had in mind, a page-layout solution for small newspapers. It wasn\u2019t the scale of what Atex was doing in metropolitan dailies, but the next level down. That trip, which took us a week \u2013 we literally went down Interstate 5 from Seattle to Medford, Oregon where I grew up, stopping in every major town \u2013 convinced us of one thing above all, was that we would be out of business by the time we sold anything. We learned that all these smaller newspapers were owned by chains and\/or other corporate entities, and that their decision-making process, in terms of capital equipment, was typically a one- to two-year process. I looked at that, and knew we didn\u2019t have one or two years or a sales force that could sell that kind of thing. It just all connected in my mind. It\u2019s why it\u2019s so important to talk to customers. They loved what we were doing in terms of what it could give to them, but I realized that that market wasn\u2019t the right market. When I started working on the marketing section for the business plan, I totally revised our strategy to focus on small business, offices, churches, schools, small publishers, and that\u2019s where the whole desktop publishing idea came from.\u201d<\/em> (Oral History of Paul Brainerd, 2006)<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch diese von Paul Brainerd genannten Leute, die einfache Drucksachen herstellen wollten, waren mit vielen ihrer Produkte Kunden der Druckindustrie. Sie versuchten mit DTP ihre Flyer, Newsletter oder Plakate selber zu gestalten, ohne daf\u00fcr eine Druckerei beauftragen zu m\u00fcssen. Man wollte gestalten, ausdrucken und verteilen und nicht auf Korrekturfahnen und die Lieferung der Drucke aus der Profidruckerei warten. Es ging um Vereinfachung, weniger Zeit und geringere Kosten.<\/p>\n\n\n\n<p>1986 war DTP in der amerikanischen Computer-Publishing-Presse ein fester Begriff, der schon bald auch in der deutschen Druckindustrie f\u00fcr Angst, aber auch f\u00fcr Spott sorgen sollte. Angst die man zun\u00e4chst damit versuchte zu unterdr\u00fccken, in dem man DTP die notwendige Qualit\u00e4t abzusprechen versuchte und das Ganze als l\u00e4cherlich abtat: <em>Wie bitte sch\u00f6n sollten Laien Druckerzeugnisse herstellen? Die so genannten DTP-Programme haben bei weitem nicht die M\u00f6glichkeiten und die Qualit\u00e4t unserer Satzwerkzeuge.<\/em> Im Deutschen Drucker wurde im Oktober 1986 aus einer Anzeige in der in der S\u00fcddeutschen Zeitung zitiert, die Apple f\u00fcr den 26. September 1986 geschaltet hatte. Dort hie\u00df es: \u201eInzwischen werden die ersten Lichtsatzmaschinen \u00fcberfl\u00fcssig, denn seit neuestem gibt es Personalcomputer und Laserducker f\u00fcr rund 30 000 DM, die bequem auf einen Schreibtisch passen und eine kleine Druckerei einschlie\u00dflich Setzerei und Reprostudio ersetzen.\u201c (Deutscher Drucker 16.10.1986) Des Weiteren wurde in der Anzeige ein Verleger zitiert: \u201eWenn ich fr\u00fcher schnell ein neues St\u00fcck Satz brauchte, war ich, allein um zu meinem Setzer zu kommen, schon eine dreiviertel Stunde in der Innenstadt unterwegs. In der Zeit mach\u2019 ich das heute selbst.\u201c (ebd.) Selbstverst\u00e4ndlich waren beide Aussagen \u00fcbertrieben, um Setzerei und Reprostudio zu ersetzten brauchte es schon mehr: die Anbindung an einen Scanner, eine Bildverarbeitung und als Ausgabe einen Laserbelichter. In der Druckindustrie war dies damals alles mit sehr teuren Ger\u00e4ten verbunden. Die Markteintrittsbarrieren f\u00fcr neue Setzereien waren damals hoch. Bevor man den ersten Film ausbelichten konnte und bevor man den ersten Papierbogen aus einer&nbsp; Offsetdruckmaschine ziehen konnte, musste man einiges investieren. Die im Medienmanagement definierten First-copy-costs waren dadurch hoch. DTP begann hieran nun zu r\u00fctteln. Die Kunden begannen nun ihre eigenen Druckerzeugnisse zu erstellen. Die Kunden brauchten die Druckereien nicht mehr zwingend. Die Drucker sahen eine Gefahr f\u00fcr ihr Gesch\u00e4ftsmodell:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIst es nicht auch besch\u00e4mend, wenn Branchenfremde unsere Branche bereits auffordern, sich mit den neuen Techniken auseinanderzusetzen, aus der Lethargie aufzuwachen.\u201c (DD 16.10.1986)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom ersten Maschinensatz zum Desktop Publishing<\/strong><br><strong>Teil 6<\/strong>: <strong>Linotype \u2013 the End of the Line of Types<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Lethargie versuchte die Firma Linotype heraus zu kommen und wurde daf\u00fcr in der Fachpresse einige Jahre auch geliebt und gefeiert. Bereits 1985 \u2013 als noch niemand von DTP sprach, der Macintosh aber bereits auf dem Markt war \u2013 hatte man sich bei Linotype entschlossen den Belichter Linotronic-Imagesetter an den Macintosh anzuschlie\u00dfen. Dazu bediente man sich eines PostScript-RIP. Das mit dem Macintosh erstellte Produkt wurde zur Ausgabe in die PostScript-Sprache von Adobe gewandelt und so an den Belichter von Linotype \u00fcbergeben, der es nun auf Film ausbelichtete. Dies war der erste PostScript-Belichter den man auf der Drupa 1986 der \u00d6ffentlichkeit vorstellte. F\u00fcr Linotype war dies ein Erfolg: Bis 1989 verkaufte man 10 000 Linotronic-Belichter. Mit diesen PostScript-Belichtern, die man an Macintoshs anschlie\u00dfen konnte, hatte sich Linotype ein Problem eingefangen: Wer sollte nun noch die Linotype-Satzsysteme kaufen?<\/p>\n\n\n\n<p>Linotype kaufte zur Drupa 1990 die Kieler Firma Hell von Siemens und firmierte nun unter dem Namen Linotype-Hell AG. (vgl. Wolf, Kurt K. \u201eVom Satzsystem-Hersteller zum neuen Vorstufen-Konzern\u201c, 1993) In der DTP-Zeitschrift \u201ePage\u201c kommentierte Joachim Peters 1994: \u201eLinotype Hell. Der Bindestrich markiert eine Ehe, die aus der Not entstand. Die einst glanzvolle Dr. Ing. Rudolf Hell GmbH wurde von der Computerrevolution \u00fcberrollt und von der Linotype AG geschluckt. Seitdem geht es mit dem Ehepaar wirtschaftlich bergab. Zuviel Personal und zu wenig Produkte, die wirklich Geld bringen. Die gr\u00f6\u00dfte Malaise: keine Perspektive.\u201c (Page 5\/94, S. 164) Linotype baute noch weiter an Satzsystemen wie dem System 1000, welches die Welt des Macintosh mit der Satzwelt verbinden sollte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDoch nun zu dem, was die Serie 1000 vom \u201agew\u00f6hnlichen\u2019 Desktop Publishing unterscheidet: Die f\u00fcr professionellen Einsatz entwickelte Exklusivsoftware LinoWare. Das Programm LinoSetting zielt in den Markt der Serie 300. Es kombiniert die einheitliche Bedienoberfl\u00e4che des Macintoshs mit der traditionellen codegesteuerten Eingabe. Das hei\u00dft, der Setzer kann sowohl mit seinen von der Serie 300 gewohnten Befehlen arbeiten oder die mausgesteuerte Fenstertechnik nutzen. Hat er sich f\u00fcr Letzteres entschieden, werden die Linotype-Codes automatisch generiert.\u201c (Stein, Hans: Schwungvoll ins Drupa-Jahr. Der Polygraph, 7\/1990, S. 636)<\/p>\n\n\n\n<p>Die urspr\u00fcnglich von Ottmar Mergenthaler 1884 \u201eLinotype Typographic Company\u201c war 1987 zur Linotype AG mit Sitz in Eschborn geworden. Zuvor hatte die Mergenthaler-Gruppe zum amerikanischen Allied-Konzern geh\u00f6rt. Mit der \u00dcbernahme der Dr. Ing. Rudolf Hell GmbH hatte man den bekanntesten Hersteller von Bildverarbeitungs- und Farbreproduktionssystemen \u00fcbernommen. Diese Systeme bestanden aus gro\u00dfen und teuren Ger\u00e4ten, deren Funktionen nun in den 1990er Jahren mehr und mehr von Adobes Bildverarbeitungsprogramm Photoshop und von preiswerteren Scannern \u00fcbernommen wurden. Den Systemen von Hell geh\u00f6rte nicht die Zukunft. Bei Linotype-Hell tr\u00e4umte man aber erst mal von Synergiepotentialen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun wird es etwas kompliziert in der Linotype-Firmengeschichte. Teile von Hell gingen zur ISGI (Integrierte Systeme Grafische Industrie in Eschborn, ein Unternehmen unter Beteiligung von Linotype-Hell, Siemens und Siemens Nixdorf Informationssysteme), die wiederum in den 1990ern zu Teilen zur Firma Alfa und zu Teilen zur Firma Siemens-Nixdorf ging.&nbsp; Bei Siemens-Nixdorf wurde auch das auf dem FrameMaker basierende Layoutprogramm PageOne seit den fr\u00fchen 1990ern entwickelt. Bereits seit 1987 wurde FrameMaker der Frame Technology auf den Nixdorf Rechnern angewendet und auch von Nixdorf mitverkauft. 1997 ging schlie\u00dflich die Linotype-Hell AG zur Heidelberger Druckmaschinen AG und wurde dort dem PrePress-Bereich zugeordnet. Innerhalb von Heidelberger blieb auch die Softwaretochter Linopress GmbH in Eschborn. 2002 wurde Linopress von Heidelberger an Alfa Media Partner in Seligenstadt verkauft. Bereits 1998 hatte Alfa von der Siemens Nixdorf Informationssysteme AG das PageOne-Team in Kiel \u00fcbernommen, so dass die Weiterentwicklung des Satzprogramms PageOne bei Alfa erfolgen konnte (vgl. Zeitungstechnik Juni 1998, S. 49). Bei vielen dieser Firmen stand das \u201eGesch\u00e4ft mit integrierten kommerziell-technischen Gro\u00dfsysteml\u00f6sungen f\u00fcr die grafische Industrie\u201c \u2013 so die Beschreibung der ISGI 1990 in der Fachzeitschrift \u201eComputerwoche\u201c \u2013 im Vordergrund. Und Linotype: Die Linotype Library GmbH f\u00fchrt das Schriftengesch\u00e4ft weiter. Wer sich heute professionell mit der Gestaltung und Herstellung von Druckvorlagen befasst, der wird Linotype nur von den Schriften kennen. Der Rest ist Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom ersten Maschinensatz zum Desktop Publishing<\/strong><br><strong>Teil 7:<\/strong> <strong>Der Satz zog um<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Betriebe der Druckindustrie mussten sich den Herstellern von Soft- und Hardware anpassen. Diese Produkte hielten Einzug in die Setzereien. Nun gab es aber auch gro\u00dfe Betriebe au\u00dferhalb des Druckgewerbes, die bisher ihre Druckerzeugnisse bei einer klassischen Druckerei hatten erstellen lassen, die sich eine eigene kleine Setzerei aufbauten. Dazu reichten ein paar Mac-Arbeitspl\u00e4tze. Und auch die Zeitschriftenredaktionen der kleineren Verlage konnten sich durch DTP ihren Satz selber erstellen. Texterfassung und Seitengestaltung r\u00fcckten nun n\u00e4her zusammen. Die erstellten Daten wurden zur Druckerei gebracht und dort herk\u00f6mmlich gedruckt und gebunden. Nat\u00fcrlich bestand die Gefahr, dass die Seiten nun nicht mehr wie gewohnt aussahen. Schlie\u00dflich waren hier nicht mehr speziell ausgebildeten Setzer am Werk. Au\u00dferdem wollte man mit den neuen M\u00f6glichkeiten etwas experimentieren. Und wie bereits in den 70er Jahren durch Composer-Satz erm\u00f6glicht, bauten sich Einzelpersonen kleine Satzbetriebe auf. F\u00fcr solche Kleinbetriebe h\u00f6rt man dann auch schon mal die Bezeichnung \u201eK\u00fcchentischsetzerei\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom ersten Maschinensatz zum Desktop Publishing<\/strong><br><strong>Teil 8:<\/strong> <strong>Self- und Desktop Publishing<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Betrachtet man sich die heutige Publishing-Welt f\u00fcr Druckprodukte, dann dominieren hier die Programme Indesign, Photoshop und Illustrator von Adobe und auch noch XPress von Quark. Software die auf Standardcomputern laufen. Adobe ist \u00fcber die Jahre zum wichtigsten Softwarehersteller f\u00fcr die Publishing-Welt geworden. Man hat als Ableger von PostScript das PDF geschaffen, mit Aldus PageMaker und dem FrameMaker von Frame zwei wichtige Layoutprogramme der Konkurrenz aufgekauft. PostScript spielt neben PDF nach wie vor eine Rolle. In letzter Zeit ist Adobe allerdings mit ihrer neuen Softwaredistribution aus der Cloud in die Kritik geraten: Der Kunde kauft die Software nicht mehr, sondern mietet sie (Software as a Service, SaaS) \u2013 auf Dauer kann dies f\u00fcr den Nutzer ganz sch\u00f6n teuer werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Um heute mit einer \u201eK\u00fcchentischdruckerei\u201c beginnen zu k\u00f6nnen werden ein Laptop oder Desktop-PC (plus DTP-Software), ein Scanner, eine Digitalkamera, ein Laserdrucker, ein Tintenstrahlfarbdrucker, Schneideger\u00e4te oder eine kleine Schneidemaschine und guter Buchbinderleim ben\u00f6tigt. Dies reicht heute schon um Druckprodukte in Kleinstauflagen herstellen zu k\u00f6nnen. Da die DTP-Programme PostScript oder PDF ausgeben k\u00f6nnen, kann man die Dateien auch per E-Mail Print-and-Copyshops oder Online-Druckereien senden. Die Markteintrittsbarrieren sind heute also wesentlich geringer.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Druckindustrie geht es nun nicht mehr so gut. Die Ursache liegt dabei nur zum Teil beim Desktop Publishing. DTP war zwar f\u00fcr die Betriebe der Druckindustrie ein ungewollter Wandel, aber letztendlich hatte man doch einigen Spa\u00df daran gefunden. Aber kurz nach DTP kam das World Wide Web. Dies erforderte das Hineindenken in neue Aufgaben und machte neue Berufsbilder notwendig, die alle mit dem Wort \u201eMedien\u201c beginnen mussten. Nun 20 Jahre nach dem ersten WWW-Boom in den 1990er Jahren werden einige Dinge gar nicht mehr gedruckt, sondern finden sich ausschlie\u00dflich im Internet. Soziale Netzwerke, E-Books und Tablet-PCs sind Entwicklungen die an der Menge des gedruckten Wortes und damit an der klassischen Druckindustrie nagen. Auch die Entwicklung in der Musikindustrie passt zu diesem Trend. Ver\u00f6ffentlichungen im Internet ben\u00f6tigen kein gedrucktes Cover. Die Druckindustrie durchlebt gerade einen Schrumpfungsprozess und sucht nach neuen Gesch\u00e4ftsmodellen: Kann man bei den Printing Electronics\/gedruckte Schaltungen mitmachen? Wie sieht es beim 3D-Druck aus, man ist schlie\u00dflich Druckexperte?<\/p>\n\n\n\n<p>Um all das muss sich der Self- und Desktop Publisher keine Sorgen machen. Solange es noch vern\u00fcnftiges Papier und guten Buchbinderleim gibt, kann er auch weiterhin seine Druckerzeugnisse auf dem Long Tail (Anderson 2009) vertreiben. Beim Vertrieb kann man sich den klassischen Distributionswegen anschlie\u00dfen (Grossisten, Buchhandlungen) oder seine Druckerzeugnisse im Direktvertrieb zu den Kunden senden. F\u00fcr Leute die mal ein Fanzine oder ein Kassettenlabel gemacht haben ist dies nicht neues. Andere m\u00f6gen zun\u00e4chst vor diesem Selbstvertrieb etwas ratlos stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach wie vor muss sich der Self- und Desktop Publisher nicht nur mit der Herstellung von Texten, Illustrationen und Bildern besch\u00e4ftigen, wof\u00fcr er sich ein gewisses Fachwissen aneignen muss, sondern er muss auch das restliche Fachwissen bis zum fertigen Druckprodukt zur Verf\u00fcgung haben. Der Self Publisher \u2013 man erlaube mir diese Abstufung \u2013, der einige Arbeitsschritte spezialisierten Dienstleistern \u00fcberl\u00e4sst, ist von der Druckweiterverarbeitung und vielleicht auch vom Vertrieb befreit. Gerade die Druckweiterverarbeitung ben\u00f6tigt noch reichlich handwerkliche \u00dcbung. W\u00e4hrend bei gr\u00f6\u00dferen Auflagen Spezialmaschinen in den Buchbindereien zum Einsatz kommen, muss bei Kleinstauflagen mit Pinsel, Buchbinderleim und Schneideger\u00e4ten gearbeitet werden. Bindungen mit einfachen Automaten arbeiten Verfahrensbedingt nicht mit den besten Buchbinderleimen (zum Handbuchbinden Planatol BB, ein Dispersionsklebestoff zum Klebebinden, verwenden \u2013 ask first for this) oder nutzen uncoole Bindungen wie Wire-O-Spiral (also bitte, wie sieht das aus? Nach Retrolook, denn in den 1930er Jahren war die Spiralbindung hochmodern). Ob der Self- und Desktop Publisher lieber das klassische Papierbuch oder E-Books produziert, ist einerseits Geschmacksache sowie eine Sache der Kundennachfrage, andererseits entbindet die volldigitale E-Book-Herstellung von der handwerklichen Arbeit der Buchblockherstellung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verwendete Literatur und Literaturhinweise<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Anderson, C. (2009): The Long Tail. M\u00fcnchen.<br>Althaber, C. (2012): Gute Gesch\u00e4fte mit Tablets. In: Graphische Revue. Nr. 2\/2012. S. 38 \u2013 39<br>v. Bechtolsheim, S. (1986): Text- und Grafik-Computersprache \u201ePostScript\u201c. In: Der Druckspiegel, Nr. Drupa 1986. S. 485 \u2013 489<br>Bluhm, A. (1995): Die Kindheit des Fotosatzes \u2013 oder: wenn es funktioniert, dann ist es bereits \u00fcberholt. In: Deutscher Drucker. Nr. 7\/16.2.1995. Seite g26 \u2013 g27<br>Burkhardt, K. (1986): Der Kreis ist geschlossen. In: Deutscher Drucker. Nr. 35\/6-11-86. Seite g5<br>Br\u00fces, S. (1988): Desktop Publishing \u2013 sinnvolle Anwendungen auch in den Mittelbetrieben? In: FOGRA-Mitteilungen Nr. 131. S. 9 \u2013 14<br>Crocker, S. \/ Computer History Museum (2006): Oral History of Paul Brainerd (Internet: corphist.computerhistory.org\/corphist\/documents\/doc-4558fbf9ca0f0.pdf?PHPSESSID=0334cfd38736ef42c1dca47c21076d7e, gesehen: 13.4.2013) <br>Fritz, E. (1980): B\u00fcrotextverarbeitung und Fotosatz \u2013 wo liegt eigentlich der Unterschied? In: Der Druckspiegel, Nr. 5\/1980. S. 503 \u2013 512<br>Fritz, E. (1982): Wenn ich mir ein Setzsystem w\u00fcnschen d\u00fcrfte &#8230; In: Der Druckspiegel, Nr. Drupa \u201982. S. 24 \u2013 30<br>Fritz, E. (1985a): 20 Jahre Satzherstellung \u2013 \u00fcberw\u00e4ltigender Siegeszug des Fotosatzes. In: Deutscher Drucker. Nr. 16\/16-2-1985. Seite 52 \u2013 90<br>Fritz, E. (1985b): Der Personalcomputer erobert sich die Satzherstellung und geht bis zur Text-Bild-Integration. In: Deutscher Drucker. Nr. 13\/23-4-86. Seite w56 \u2013 w80<br>Fritz, E. (1986a): \u201eWir leben in einer Zeit wie 1967, als wir vom Bleisatz zum Fotosatz umstellten\u201c. In: Der Polygraph, Nr. 1\/86. Seite 24 \u2013 32<br>Fritz, E. (1986b): Seitengestaltung mit Ikonen, Maus und WYSIWYG am PC. In: Deutscher Drucker. Nr. 12\/16-4-86. Seite w24ff.<br>Ihlenfeldt, A. (1990): Der ungewollte Wandel \u2013 ein Vierteljahrhundert Satzherstellung. In: Deutscher Drucker. Nr. 4\/1-2, 1990. Seite w109 \u2013 w116<br>Lang, W. (2013): Z\u00e4hmt das Biest. In: Page, 08\/2013. S. 84 \u2013 91.<br>Laufer, B. (1988): Vom Federkiel zum Satzcomputer. Itzehoe<br>Maresch, R. 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