{"id":22248,"date":"2014-09-04T15:42:00","date_gmt":"2014-09-04T15:42:00","guid":{"rendered":"http:\/\/guentersahler.de\/?p=22248"},"modified":"2026-03-15T12:22:56","modified_gmt":"2026-03-15T12:22:56","slug":"interview-mit-sven-jachmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guentersahler.de\/?p=22248","title":{"rendered":"Interview mit Sven Jachmann"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"163\" src=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Logo-sj.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-37758\" srcset=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Logo-sj.jpg 500w, https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Logo-sj-300x98.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><span style=\"color:#2b6978\" class=\"has-inline-color\"><strong>Klar, Comics liest jeder als Kind, irgendwie. Wie bist Du als Erwachsenen dazu gekommen, Dich mit Comics intensiv auseinanderzusetzen und Rezensionen f\u00fcr verschiedene Zeitungen\/Zeitschriften zu schreiben?<\/strong><\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist sicher ein typischer biographischer Verlauf: Erst wird man als Kind damit sozialisiert, verbringt die Sommer mit Comicstapeln und Horrorgroschenromanen im Yps-Zelt, dann bleibt man dabei. Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mussten also nie abgebaut werden. Das Interesse an Comics, Filmen und Literatur \u00fcberstand auch die heikle Phase Pubert\u00e4t, da setzte auch das Schreiben ein, meist \u00fcber diese Bereiche: erst f\u00fcrs eigene Punkfanzine, mal f\u00fcr andere, schlie\u00dflich f\u00fcr die Schublade. <\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"290\" src=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/gnkopf.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-22251\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Studiums schraubte ich dann an einem Blog herum, um Seh- und Lekt\u00fcreeindr\u00fccke zu notieren, die nicht zuvor durch ein riesiges Fu\u00dfnotenger\u00fcst fundamentiert werden mussten. Das f\u00fchlte sich schnell viel angenehmer und irgendwie freier an, als sich in R\u00e4umen zusammen mit Uni-Aspiranten aufzuhalten, die ihren Dozenten die Tasche zum Pult trugen, ohne daf\u00fcr ausgelacht zu werden. Au\u00dferdem herrschte in den Seminaren eine bizarre Ablehnung gegen\u00fcber allem, was sich auch nur in der N\u00e4he eines kulturindustriellen Verdachts bewegte (und immerhin spreche ich von den 00er Jahren), das war geradezu ein interdisziplin\u00e4rer Kanon. Auschwitz in einem Comic? Horrorfilme sollen politisch sein? Das Ende aus \u201eFree Rainer\u201c, wo junge Leute als Tr\u00e4ger einer m\u00fcndigen und vern\u00fcnftigen Gesellschaft einhellig im Stadtpark gelbe Reclam-B\u00fccher lesen, sahen diese Gestalten wirklich als goldene Utopie! Zu der Zeit konnte ich erste Texte in Zeitungen und Online-Magazinen ver\u00f6ffentlichen und da musste vermutlich auch viel Wut kanalisiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass ich nun viel \u00fcber Comic schreibe, hat damit zu tun, dass ich a. nicht wei\u00df, wie man ein Wrestling-Star wird, ist b. Zufall, weil Comic c. einen gro\u00dfen Stellenwert in meiner pers\u00f6nlichen Kultur einnimmt und liegt sicher d. auch daran, dass sich momentan eine breite Comickritik erst bildet. Man kann sich also prima austoben, es gibt keine tradierten Wegweiser, die etwa der Filmkritik vergleichbar w\u00e4re und deren Autorinnen und Autoren sich wom\u00f6glich sogar bestimmten Theroieschulen zugeh\u00f6rig f\u00fchlten. Kann man als Vorteil sehen: Man sitzt nicht dauernd auf den Schultern von Riesen wie Siegried Kracauer, Frieda Grafe oder Karsten Witte, die einen schon beim geringsten Schluckauf zu Boden bef\u00f6rdern. Aber das ist nat\u00fcrlich deformierte Romantik. Frieda Grafes Freiheit, im Auftrag der SZ ins Kino zu gehen und mit einem einzigen wohldurchdachten Satz zur\u00fcckzukehren, wird die Comickritik unter heutigen Bedingungen gar nicht erst erlangen, um sie sp\u00e4ter dann wieder zu verlieren. Wenn man also heute \u00fcber Comics schreibt, dann meistens wohl deshalb, weil man das Medium liebt und den Menschen dort drau\u00dfen verklickern will, dass sie ohne dessen Lekt\u00fcren um viele lehrreiche, b\u00f6sartige, unheimliche, witzige, unterhaltsame, traurige und verst\u00f6rende Erfahrungen \u00e4rmer in die Grube fahren.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"color:#2b6978\" class=\"has-inline-color\"><strong>Comics stehen immer noch am Rande des Buchmarktes. Von der Leserschaft der b\u00fcrgerlichen Mitte und den Konservativen immer noch als Sache f\u00fcr Kinder und Lesefaule bel\u00e4chelt. Selbst gro\u00dfe Buchhandlungen versuchen, anspruchsvolle Comics zwischen der Abteilung Humor und Manga zu platzieren (wo ich mich dann als Erwachsener doch nicht so recht wohlf\u00fchle). In den \u00fcblichen Comicl\u00e4den erwartet man dagegen, dass eigentlich Sheldon Cooper, Leonard Hofstadter und Freunde irgendwo in Superhelden-Comics w\u00fchlen. Siehst Du in diesem Bereich in den letzten Jahren eine Ver\u00e4nderung?<\/strong><\/span><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"276\" height=\"380\" src=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/kinderl.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-22253\" srcset=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/kinderl.jpg 276w, https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/kinderl-218x300.jpg 218w\" sizes=\"(max-width: 276px) 100vw, 276px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Mawils \u201eKinderland\u201c<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Ja, und sogar eine ziemlich gro\u00dfe. Dass ein Buch wie j\u00fcngst Mawils \u201eKinderland\u201c nach wenigen Monaten in die zweite Auflage geht oder von einem komplexen Meisterwerk wie Chris Wares \u201eJimmy Corrigan\u201c gut 10.000 Exemplare verkauft werden, w\u00e4re vor ein paar Jahren unvorstellbar gewesen. Die Ver\u00e4nderungen m\u00f6gen sich langsam vollziehen, sind aber un\u00fcbersehbar: \u00dcber Comics wird t\u00e4glich in Funk, TV und Tagespresse berichtet, er wird wissenschaftlich institutionalisiert, sei es praktisch an den Hochschulen oder theoretisch an den Universit\u00e4ten, Ausstellungen und Lesungen finden in Museen, Literaturh\u00e4usern und Buchhandlungen statt, Buchhandlungen erweitern stetig ihr Comicprogramm (und nur die schlechten oder \u00fcberforderten quetschen Comics ins Humorregal; da gibt es auch viele Gegenbeispiele), Comicshops, vor allem gro\u00dfst\u00e4dtische, professionalisieren sich, deutsche Comics werden im Ausland ver\u00f6ffentlicht und die K\u00fcnstlerInnen erhalten international Preise, comicfremde Literaturverlage f\u00fchren Graphic Novels im Programm (nur mal eine Zahl: 2013 wurden \u00fcber 3200 Titel von 168 Verlagen ver\u00f6ffentlicht, 2003 wird es nicht mal die H\u00e4lfte gewesen sein), Nicolas Mahler und Ulli Lust erscheinen bei Suhrkamp, hehe, die Branche legt ausnahmsweise Differenzen beiseite und bringt seit 2010 den Gratis Comic Tag \u00fcber die B\u00fchne, Comicstipendien und F\u00f6rderpreise werden ausgeschrieben, Tageszeitungen drucken wieder Comicstrips, neue Fachmagazine etablieren sich dauerhaft, das Goethe Institut schickt deutsche K\u00fcnstlerInnen auf Reisen und mit dem Erika Fuchs Haus wird nun auch demn\u00e4chst das erste deutsche Comicmuseum er\u00f6ffnet. Blind assoziiert und allgemein beschrieben, aber diese Ver\u00e4nderungen sind innerhalb der letzten zehn Jahre eingetreten und indizieren keine Ausnahmef\u00e4lle, sondern 2014 das Tagesgesch\u00e4ft. In den 90ern h\u00e4tte sich das wie Science Fiction angef\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte auch sagen: Der deutsche Comicbetrieb hat die Muster, (informellen) Gesetze und Vorgaben des \u201egro\u00dfen\u201c Kulturbetriebs perfekt adaptiert. Das wird sich auch nicht mehr umkehren. Nur: Das gilt auch f\u00fcr die zunehmend prek\u00e4re \u00f6konomische Lage des Kulturbetriebs, die den Comic wom\u00f6glich bislang noch in eine etwas schizophrene Lage man\u00f6vriert: Wenn man in der Comicbranche wegen einer flott verkauften 5000er Auflage jubelnd die H\u00e4nde in die Luft wirft, tut\u2019s der alteingesessene Literaturverleger ja eher aus Entsetzen. Die hiesigen K\u00fcnstlerInnen und VerlegerInnen, die allein von ihrer Arbeit gut leben k\u00f6nnen, passen in ein Klassenzimmer und viele umfangreiche deutschsprachige Graphic Novels w\u00fcrden ohne den Schutzraum Hochschule, wo sie als Abschlussarbeit entstehen, gar nicht erscheinen. Man kann noch als Erfolg wahrnehmen, was andere Bereiche als tendenziellen Fall zu sp\u00fcren bekommen. Viele \u00e4ltere SchriftstellerInnen haben ja auch in der berechtigten und erfahrungsgest\u00fctzten Hoffnung gearbeitet, im hohen Alter die Tantiemen als Rentenersatz zu nutzen. Die m\u00fcssen jetzt stattdessen immer wieder auf den Markt. Dem Comicfeld bleibt diese Illusion wahrscheinlich direkt erspart, was nat\u00fcrlich ein zweifelhafter Segen ist. Ein Riesenerfolg wie Spiegelmans \u201eMaus\u201c ist leider nach wie vor die absolute Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"color:#2b6978\" class=\"has-inline-color\"><strong>Aufgewachsen mit Kinder- und Jugendb\u00fcchern, in denen Illustrationen normal waren, wunder ich mich heute, dass die Buchillustration in Erwachsenenb\u00fcchern eher etwas f\u00fcr den Independentbereich ist \u2013 dort, angefangen mit der B\u00fcchergilde und Pressedrucken mit Miniauflagen, wird dies gepflegt. Die Mainstream-Buchverlage hingegen scheinen heute kaum noch bereit, in Buchillustrationen zu investieren, sogar in den illustrierten Klassikern (z.B. Charles Dickens oder Jules Verne) ist dies heute nur noch minderwertige Reproduktion. Der heutige Roman braucht keine Zeichnungen, die, so k\u00f6nnte man argumentieren, auch nicht vermisst werden, da sie die Fantasie des Lesers beeinflussen (daher k\u00f6nnte das Titelbild auch beliebig sein). Andererseits gibt es jetzt Graphic Novels, bei denen nicht nur ein paar ausgew\u00e4hlte Szenen illustriert sind, sondern die Bilder zusammen mit dem Text die Handlung tragen. Wie passen aus Deiner Sicht die beiden Str\u00f6mungen zusammen?<\/strong><\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Also grunds\u00e4tzlich wundert mich das wenig, denn die Arbeit der meisten Comicverlage ohne Querfinanzierungsmodelle ist, wie gesagt, strukturell mit der von Independent-Buchverlagen vergleichbar: Die Einnahmen finanzieren haupts\u00e4chlich das zuk\u00fcnftige Programm und dass sich davon leben l\u00e4sst, h\u00e4ngt mit viel Gl\u00fcck und zus\u00e4tzlicher Mehrarbeit zusammen, f\u00fcr die andere nicht mal die Augenbraue heben w\u00fcrden. Das dann viel Liebhaberei und Sorgfalt beim Verlegen mit im Spiel ist zu Ungunsten eines gehobenen Wohlstands, ist fast schon ein zwangsl\u00e4ufiger Effekt, sonst w\u00fcrde man den Quatsch nicht machen, sondern besser gleich eine Leiharbeitsfirma gr\u00fcnden, reich heiraten oder Sarrazin verlegen. Dass die gro\u00dfen Verlage kaum noch illustrierte B\u00fccher ver\u00f6ffentlichen, geschweige denn welche in Auftrag geben, nehme ich ihnen aus ihrer oftmaligen Perspektive, dass man eben nur ein austauschbares Produkt verkauft, gar nicht mal krumm: mehr Aufwand, schwerer zu kalkulieren, teurer und Experimente sind mit zunehmender Gr\u00f6\u00dfe ein existenzielleres Wagnis, wenn nur Riesenums\u00e4tze den Laden am Laufen halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen gegenl\u00e4ufigen Zusammenhang mit der st\u00e4rkeren Pr\u00e4senz von Comics im Buchhandel sehe ich aber nicht unbedingt, denn da vermute ich schon ein Interesse am medialen Eigensinn des Comics, also dass die Leute Lust auf sequentielle, gezeichnete Erz\u00e4hlungen haben. Das muss Interesse an illustrierte B\u00fccher nicht bedingen. Dass viele Menschen gerne Filme sehen, f\u00fchrt im Umkehrschluss ja nicht unbedingt zu einem gesteigerten Interesse an Fotografie.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"color:#2b6978\" class=\"has-inline-color\"><strong>Seit ein paar Jahren bist Du beim neuen Splitter Verlag als Redakteur. Wie w\u00fcrdest Du das Programm des Verlags beschreiben? Welche Aufgaben nimmst Du als Redakteur wahr?<\/strong><\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Der Redakteur ist eher so ein Sammelbegriff, haupts\u00e4chlich mache ich aber das Lettering. Wir betreiben keine trennscharfe Aufgabenteilung, sondern jeder \u00fcbernimmt das, was, je nach Gusto, F\u00e4higkeit und Zeit, eben neben der Kernarbeit anf\u00e4llt. Praktisch hei\u00dft das: Ich pflege und f\u00fcttere die Facebook- und Twitter-Seiten sowie die Homepage, schreibe Klappen-, Katalog- und Pressetexte, mache dann und wann Korrektorat, Recherche und Marketing, pr\u00fcfe und betreue Comicangebote, die uns geschickt werden, oder Presse- und Kooperationsanfragen, suche nach interessanten Titeln f\u00fcrs zuk\u00fcnftige Programm, fahre zu Messen und verwandten Veranstaltungen usw. usf. Man r\u00fchrt halt in vielen T\u00f6pfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Splitter w\u00fcrde ich heute als breit aufgestellten Themenverlag beschreiben. Als es 2006 mit zwei Novit\u00e4ten im Monat losging, lag der Fokus ausschlie\u00dflich auf frankobelgische Sci Fi- und Fantasy-Erz\u00e4hlungen im klassischen Hardcover-Albenformat. Das ist im Kern immer noch so, hat sich aber im Laufe der Jahre thematisch gewaltig weiterentwickelt. Jedes Genre wird mittlerweile ber\u00fccksichtigt, f\u00fcr Funny-Comics wurde 2010 sogar eigens das Imprint toonfish gegr\u00fcndet. Neben dem typischen Album verlegen wir dicke Klassiker-Gesamtausgaben mit Zusatzmaterial, Graphic Novels (ggf. als sog. Splitter Books) und eigens entwickelte Formate wie das Splitter Double (zweib\u00e4ndige Miniserien zusammengefasst als g\u00fcnstige Gesamtausgabe), neben europ\u00e4ischen auch amerikanische Arbeiten (zuletzt etwa die \u201eCreepy\u201c-Gesamtausgaben von Richard Corben und Bernie Wrightson), neben Lizenzen auch Eigenproduktionen. Momentan erscheinen zw\u00f6lf Titel im Monat. Ich glaube, was Splitter so viel R\u00fcckenwind verschafft hat, war die Verbindung der begeisterten Fanperspektive mit absoluter Professionalit\u00e4t und der gro\u00dfen Bereitschaft, auf die W\u00fcnsche der LeserInnen zu h\u00f6ren. Einiges davon sind Standards, die vor Splitter aber in der Comicszene alles andere als \u00fcblich waren: dass man laufende Serien wegen zu niedriger Verk\u00e4ufe nicht abbricht; dass man die Backlist pflegt, damit NeuleserInnen nicht urpl\u00f6tzlich feststellen m\u00fcssen, dass der achte Band einer zehnb\u00e4ndigen Serie beim Verlag nicht mehr erh\u00e4ltlich ist; dass Hardcover-B\u00fccher zwar edel aussehen, aber nicht notwendig teurer als Softcover-B\u00fccher sind. Zur haptischen Wertigkeit gesellt sich dann sozusagen noch eine ideologische: Wenn Horst Gotta beispielsweise, wie bei der Neuauflage von Hermanns Western \u201eComanche\u201c oder Richard Corbens \u201eCreepy\u201c-Kurzgeschichten, registrieren muss, dass die Vorlagen qualitativ arg mitgenommen sind, dann werden sie eben von ihm restauriert, dann \u00fcbertrifft eben die deutsche sogar die franz\u00f6sische oder amerikanische Edition und der aufwendige Arbeitsprozess wird f\u00fcr Interessierte als Video ins Netz gestellt; wenn man Vicente Segrelles latent surrealistische Fantasy-Malerei \u201eEl Mercenario\u201c in bibliophiler Aufmachung neu auflegt, dann wird die urspr\u00fcnglich 13-teilige Reihe noch mit einem exklusiven 14. Band getoppt, den Segrelles extra f\u00fcr diese Edition angefertigt hat, weil er von den M\u00fchen Splitters so sehr entz\u00fcckt war. Der Anspruch ist es, Editionen f\u00fcr Generationen zu schaffen, die die Kunst und ihre K\u00fcnstlerInnen honorieren, auch weil die Gr\u00fcnderInnen allesamt selber aus der Praxis kommen und wissen, wie nervenaufreibend die Arbeit an einem Werk sein kann. Ich glaube, diese Begeisterung und Hingabe merkt man dem Verlag und den Ver\u00f6ffentlichungen einfach an.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"color:#2b6978\" class=\"has-inline-color\"><strong>Au\u00dferdem bist Du Letterer beim Verlag. Ich k\u00f6nnte so etwas nicht, mit meiner miesen Handschrift. Wie hast Du Dir dies angeeignet? Wie hat man sich diese Arbeit vorzustellen: Die Reinzeichnungen kommen digital mit freien Fl\u00e4chen und Sprechblasen \u2026? Benutzt Du analoge (Stift, Feder) oder digitale Werkzeuge?<\/strong><\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Da muss ich leider ein wenig entzaubern: Das Lettering erfolgt (heutzutage und im Regelfall) komplett digital am Rechner. Man arbeitet mit einer Indesign-Datei, die den vollst\u00e4ndigen Comic enth\u00e4lt, der in verschiedene Ebenen gegliedert ist. Eine davon ist f\u00fcr die Sprechblasen und Soundwords. Aus einem separaten Textdokument, das die \u00dcbersetzung enth\u00e4lt, wird dann der Text kopiert und in die jeweilige leere Sprechblase \u00fcbertragen auf Grundlage eines zuvor ausgew\u00e4hlten Fonts. Dann gilt es nur noch, einige W\u00f6rter, vor allem Soundwords entsprechend zu gestalten bzw. den Text dem beschr\u00e4nkten Raum anzupassen, was ggf. auch K\u00fcrzungen und Neuformulierungen bedeutet. Das ist \u00fcbrigens auch der gr\u00f6\u00dfte Unterschied zu einer rein literarischen \u00dcbersetzung: Der Platz in Comics ist endlich, der Spielraum sehr begrenzt. Die \u00dcbersetzer\/innen m\u00fcssen also bei ihrer Arbeit stets die Platzbegrenzung zus\u00e4tzlich beachten. Vor dieser komplexen Leistung, einerseits den Tonfall der Vorlage zu transferieren und andererseits strukturell zur absoluten Pr\u00e4zision gezwungen zu sein, ziehe ich regelm\u00e4\u00dfig meinen Hut.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Falle von Mainstreamcomics \u2013 nat\u00fcrlich findet man auch hier zig Gegenbeispiele \u2013 verhalten sich Text und Bild meist relativ autonom zueinander, soll sagen, der Text soll Handlungsinformation vermitteln und bildet nicht unbedingt eine weitere \u00e4sthetische Ebene. Daf\u00fcr ein ad\u00e4quates Lettering zu finden, ist nicht allzu schwer, oft wird schon im Original ein Computerfont verwendet. Bei sog. Autoren-Comics (problematischer Begriff, aber egal), wo Strich und Schrift derselben Hand entspringen, ist das schon schwieriger. Wenn man auf die Originale von Julie Doucet, Robert Crumb, Craig Thompson oder, besonders extremes Beispiel, Chris Ware, schaut, die schon in einem Panel verschiedenste Regungen durch ihr Schriftbild erzeugen wollen, sieht man sofort die \u00dcbertragungsschwierigkeiten. Da setzen die Verlage ab und zu noch auf Handlettering. Dirk Rehm, Hartmut Klotzb\u00fccher oder Michael M\u00f6ller sind ein paar der wenigen Genies hierzulande, die die Vorlagen eigenh\u00e4ndig perfekt nachahmen k\u00f6nnen. Keine Ahnung, wie so etwas m\u00f6glich ist, von mir hat selbst der Paketdienst mal eine zweite, korrigierte Unterschrift verlangt.<\/p>\n\n\n\n<p>Oft muss man aber auch mit ge\u00fcbten Augen sehr genau hinschauen, um den Unterschied zwischen Hand- und Computerlettering noch zu erkennen. Beispielsweise k\u00f6nnen in einem Font zehn minimale Variationen eines Bs deponiert sein, und das ist ja eine praktikable M\u00f6glichkeit, um die Unregelm\u00e4\u00dfigkeit einer Handschrift recht authentisch zu simulieren.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"color:#2b6978\" class=\"has-inline-color\"><strong>Comics\/Graphic Novels ben\u00f6tigen vergleichsweise viel Platz, um eine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Ich w\u00fcnsche mir manchmal mehr Hintergrund-Informationen, die man schnell durch Texte erreicht. Kennst Du gute Mischformen zwischen herk\u00f6mmlichen Buch und Comic? (Mir f\u00e4llt da gerade die britische Zeichnerin Posy Simmonds ein.)<\/strong><\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Simmonds arbeitet ja meist, neben den Sprechblasen, mit einer zweiten Textebene, die dann der Introspektion der Figuren dient, etwa in Gestalt von Tagebucheintr\u00e4gen. Das kommt tats\u00e4chlich sehr oft im Comic vor; Alan Moore betreibt es sehr exzessiv in \u201eWatchmen\u201c, wo es vor mehrseitigen fiktiven Zeitungsartikeln, Kurzgeschichten aus Pulp-Magazinen, Ausz\u00fcgen aus wissenschaftlichen Fachartikeln, Briefen etc. nur so wimmelt; in \u201eDie Liga der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Gentlemen\u201c geht er \u00e4hnlich vor. Alison Bechdel zitiert und bebildert in ihrer neuen Graphic Novel \u201eWer ist hier die Mutter?\u201c psychoanalytische Fachliteratur und fiktive Zeitungsmeldungen. Ganz toll ist auch \u201eDas Stadtecho\u201c von Francois Schuiten und Benoit Peeters, eine Art Appendix zu ihrer genialen Reihe \u201eDie geheimnisvollen St\u00e4dte\u201c. Das Ganze ist ein fiktives Magazin im Zeitungsgro\u00dformat und die Artikel nehmen im Stil objektiver Zeitungsberichterstattung noch einmal Bezug auf Ereignisse der Kernerz\u00e4hlungen, gigantisch illustriert und voller bizarrer Einf\u00e4lle. Leider bekommt man das momentan nur antiquarisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite vermischt Dave McKean in \u201eCages\u201c Text- und Bildelemente so furios, dass eine Trennung zwischen beiden Ebenen auch augenscheinlich hinf\u00e4llig wird. Und Zeichner wie Eric Drooker (\u201eFlut\u201c), Jim Woodring (\u201eFrank\u201c), Thomas Ott (\u201eDark Country\u201c), Jason (\u201ePsssst\u201c) oder Hendrik Dorgathen (\u201eSpace Dog\u201c) konstruieren den Gro\u00dfteil ihrer Comics komplett ohne Text \u2013 und da wird trotzdem eine ganze Menge erz\u00e4hlt. Letztlich ist ausschlaggebend, was die Fusion der Ebenen narrativ erreichen will. Ich finde es sehr schwer, nur ein Element zu isolieren. Man liest den Text, betrachtet das Panel oder umgekehrt, verkn\u00fcpft Text mit Bild oder eben nicht, sieht den gew\u00e4hlten Bildausschnitt, ebenso die Gestaltung der gesamten Seite und wie das Bild darin integriert wurde, den Zeichenstil, die Farben, m\u00f6glicherweise Bewegungslinien, Soundwords, die Gestaltung des Textes, verbindet all dies mit dem vorherigen und dem folgenden Bild und hat dann ja gerade erst mal die geistige Montage einer Minisequenz hinter sich.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"color:#2b6978\" class=\"has-inline-color\"><strong>Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg hat auch die Comicwelt erreicht. Neben Ausstellungen wie \u201eNever Again! World War I in Cartoon und Comic Art\u201c im Londoner Cartoon Museum oder \u201eTagebuch 14\/18 \u2013 Vier Geschichten aus Deutschland und Frankreich\u201c im Bilderbuchmuseum in Troisdorf gibt es ein paar Comics, die sich mit dem WWI besch\u00e4ftigen, u.a. \u201eDer Erste Weltkrieg: Die Schlacht an der Somme\u201c, ein Leporello von Joe Sacco, \u201eElender Krieg 1914 \u2013 1919\u201c von Jacques Tardi und Jean-Pierre Verney und beim Splitter Verlag \u201eIm Westen nichts Neues\u201c nach dem Antikriegsroman von Erich Maria Remarque, gezeichnet von Peter Eickmeyer. \u201eIm Westen nichts Neues\u201c zeigt f\u00fcr mich, dass unter dem Begriff Graphic Novel auch illustrierte Werke m\u00f6glich sind, die schwer als Comic zu erkennen und eigentlich Bilderb\u00fccher f\u00fcr Erwachsene sind. Wie siehst Du diese Entwicklung?<\/strong><\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Der Erste Weltkrieg ist ja schon l\u00e4nger ein Thema im Comic, mindestens ein Drittel von Tardis Werk st\u00fctzt sich darauf. Zu \u201eMutter Krieg\u201c &#8211; ebenfalls ein WWI-Comic, der vor wenigen Monaten bei Splitter erschienen ist \u2013 gab es Anfang dieses Jahres eine Ausstellung in der Ludwig Maximilians Universit\u00e4t M\u00fcnchen; die Auswahlbibliographie des Ausstellungskatalogs fasst rund 40 Titel allein seit den 80ern. Dass das Thema zurzeit auch im Comic gewichtiger wird, ist ein reiner Marketingeffekt. 2014 liegt der Beginn des Ersten Weltkriegs 100 Jahre zur\u00fcck, mediale Dauerpr\u00e4senz ist vorprogrammiert. Da sind wir wieder bei der Adaption der Regeln des Kulturbetriebs: Es ist einfach sinnvoller, eine Neuver\u00f6ffentlichung angesichts eines solchen runden Jubil\u00e4ums entsprechend zu timen, wenn man die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit erh\u00f6hen will. Schlie\u00dflich konkurriert man im Prinzip mit dem gesamten Buchmarkt, der es da per se noch etwas leichter hat.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"250\" height=\"334\" src=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/westennichtsneues.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-22256\" srcset=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/westennichtsneues.jpg 250w, https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/westennichtsneues-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Antikriegsroman von Erich Maria Remarque, gezeichnet von Peter Eickmeyer. \u201eIm Westen nichts Neues\u201c.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Erstaunlicherweise hat sich \u201eIm Westen nichts Neues\u201c zu einem echten Selbstl\u00e4ufer entwickelt, das war schon irre. Erst berichtet die Lokalpresse, daraufhin die Deutsche Presseagentur und dann ging\u2019s los: NDR, SWR, SAT.1, BR, NDR, Arte, WDR, sogar BBC, Print und Radio exklusive, und gerade ist Peter von (s)einer Ausstellung des Goethe Instituts aus San Francisco zur\u00fcckgekehrt. Ist nat\u00fcrlich immer spekulativ, aber ich glaube, ohne Jubil\u00e4um w\u00e4ren die Wellen weitaus kleiner geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine rein illustrative Arbeit ist Peters Adaption meiner Ansicht nach aber nicht. In einigen Kritiken wurde das bem\u00e4ngelt. Es gibt durchaus Comic-Charakeristika: wenige Sequenzen, Bild in Bild-Technik und die doppelseitigen Bilder kann man durchaus als comicspezifisches Mittel, als Splashpage, deuten. Vor allem aber werden ja reihenweise ikonische Klassiker der Malerei und Fotovorlagen zitiert, wird also ein Verh\u00e4ltnis gesucht zur Bildsprache <em>\u00fcber<\/em> den Ersten Weltkrieg. Die Textillustration will den Immersionseffekt vertiefen, Peters Methode bricht ja eher mit solchen Rezeptionsantizipationen, macht auf die \u201eGemachtheit\u201c seiner Arbeit aufmerksam. Ein v\u00f6llig anderes Vorgehen als bei Remarque, der ja mit seinem Dokumentarismus den Schrecken des Krieges vermitteln will. Peter vermittelt eher, wie man sich \u00fcber den Krieg ein Bild macht, wie sich eine Kultur der Bildsprache entwickelt hat, er tritt also gegen\u00fcber Remarque einen Schritt zur\u00fcck. Darin sehe ich den erkenntnistheoretischen Vorteil, dass man das Buch nicht einfach nickend und res\u00fcmierend (\u201eOkay, Krieg verstanden.\u201c) beiseite legt und zum Tagesgesch\u00e4ft \u00fcbergeht, im Gep\u00e4ck eine weitere vermeintliche, falsche Schulung. Eine \u201eblanke\u201c Illustration hat es da ungleich schwerer.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"312\" src=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/jachm.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-22255\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Das Interview f\u00fchrte G. Sahler im Herbst 2014 und erschien urspr\u00fcnglich in der Blechluft 8 (2015).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klar, Comics liest jeder als Kind, irgendwie. Wie bist Du als Erwachsenen dazu gekommen, Dich mit Comics intensiv auseinanderzusetzen und Rezensionen f\u00fcr verschiedene Zeitungen\/Zeitschriften zu schreiben? 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