{"id":27872,"date":"2023-05-16T16:16:29","date_gmt":"2023-05-16T16:16:29","guid":{"rendered":"http:\/\/guentersahler.de\/?p=27872"},"modified":"2023-05-17T10:37:18","modified_gmt":"2023-05-17T10:37:18","slug":"buch-vom-staunen-oder-die-rueckkehr-der-neugier-martens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guentersahler.de\/?p=27872","title":{"rendered":"Buch: &#8222;Vom Staunen oder Die R\u00fcckkehr der Neugier&#8220; (Martens)"},"content":{"rendered":"\n<p>In dem Buch &#8222;Gerechtigkeit f\u00fcr Tiere&#8220; (2022) von der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum las ich interessante S\u00e4tze \u00fcber das Staunen. Sie schreibt: &#8222;Zum Staunen geh\u00f6rt, dass man zun\u00e4chst von etwas beeindruckt ist, dass es einen verdutzt und das man dann versucht herauszufinden, was hinter dem Gesehenen und Geh\u00f6rten, das uns beeindruckt, vor sich geht. &#8220; (Nussbaum, S. 34) und &#8222;Staunen erregt unsere Aufmerksamkeit, l\u00e4sst uns aus uns selbst herausgehen und weckt unsere Neugier auf eine fremde Welt.&#8220; (Nussbaum, S. 42) Ich markierte diese Stellen mit einem Sternchen und schrieb daran: &#8222;wichtig als Argument f\u00fcr Nature Journaling&#8220;. Staunen k\u00f6nnen und neugierig sein, geh\u00f6rt mit zum Nature Journaling. Um mehr \u00fcber das Staunen zu erfahren besorgte ist mir das Buch &#8222;Vom Staunen oder Die R\u00fcckkehr der Neugier&#8220; (2003) von Ekkehard Martens.  <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"442\" src=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/staunen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-27888\" srcset=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/staunen.jpg 300w, https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/staunen-204x300.jpg 204w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption>Buchumschlag von &#8222;Vom Staunen oder Die R\u00fcckkehr der Neugier&#8220; (2003, Ekkehard Martens)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Was ist denn \u00fcberhaupt Staunen? Martens schreibt, es sei ein Gef\u00fchl, &#8222;das sich spontan einstellt. Das Gef\u00fchl des Staunens wird aber nicht bei jedem von demselben Gegenstand und nicht bei allen bei derselben Gelegenheit ausgel\u00f6st.&#8220; (S. 9) Aber wer staunt den heute noch, in einer Zeit, die als &#8222;entzauberte Welt&#8220; gilt? Max Weber sagte in seiner &#8222;ber\u00fchmten Rede &#8222;Wissenschaft als Beruf&#8220; (1917)&#8220;, dass &#8222;in einer entzauberten Welt, in der >prinzipiell keine geheimnisvollen, unberechenbaren M\u00e4chte&lt; mehr gelten, sondern &#8222;alle Dinge &#8211; im Prinzip &#8211; durch Berechnen&#8220; beherrschbar sind.&#8220; (S. 10) Staunen kann man aber heute trotzdem, nicht mit offenem Mund, sondern mehr nach innen gekehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Martens meint, &#8222;neugieriges Staunen wird [&#8230;] im Alltag und in der Wissenschaft als durchaus n\u00fctzlich geduldet, insofern dabei verwertbare Kenntnisse herausspringen k\u00f6nnen&#8220;, (S. 11) aber &#8222;wirklich staunen aber \u00fcber Wunderbares und Unerkl\u00e4rliches, so scheint es, tun heute nur noch die Dummen und die Kinder, die keinen Durchblick haben.&#8220; (S. 11) <\/p>\n\n\n\n<p>Das Staunen wurde den Menschen abgew\u00f6hnt. Alles ist erkl\u00e4rbar und berechenbar. Was man nicht wei\u00df, kann man sich anlesen. &#8222;Die Leute dar\u00fcber aufzukl\u00e4ren, dass es f\u00fcr den aufgekl\u00e4rten Menschen, der auf der H\u00f6he seiner Zeit lebt, nichts zu staunen gibt, war vor gut hundert Jahren das erkl\u00e4rte Programm des professionellen Biologen und amateurhaften Philosophen Ernst Haeckel (1834 &#8211; 1919). Vor allem seine beiden B\u00fccher Die Weltr\u00e4tsel (1899) und Die Lebenswunder (1904) &#8230; k\u00f6nnen bis heute als Programmschriften f\u00fcr die &#8222;entzauberte Welt&#8220; gelten.&#8220; (S. 11)<\/p>\n\n\n\n<p>Peter Hein von der D\u00fcsseldorfer Band Fehlfarben sang in den fr\u00fchen 1980er Jahren gelangweilt: &#8222;Ich habe das alles schon tausendmal gesehen. Ich kenne das Leben, ich bin im Kino gewesen.&#8220; (&#8222;Grauschleier&#8220;, Die Fehlfarben 1980). Da man bereits alles gesehen hat, gibt es nichts mehr zu bestaunen. &#8222;\u00dcberf\u00fcttert mit Unerh\u00f6rtem&#8220; hat man sich &#8222;das Staunen einfach abgew\u00f6hnt.&#8220; (S. 13) Wie es die Fehlfarben ebenfalls in &#8222;Grauschleier&#8220; texten, &#8222;man kennt schon alles, hat alles gesehen, ist auf nichts mehr neugierig und staunt \u00fcber gar nichts mehr.&#8220; (S. 13)<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wir wollen ja wieder staunen. Da fragt man sich: &#8222;&#8230; falls wir wirklich verlernt haben zu staunen? Und wie k\u00f6nnen wir staunen? Kann man staunen gar lernen?&#8220; (S. 14) Wie l\u00e4sst sich Staunen wieder erlernen? Dazu sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Neugier, im englischen curiosity, war fr\u00fcher in Deutschland als &#8222;F\u00fcrwitz&#8220; oder &#8222;Aberwitz&#8220; bekannt. Aus meiner Kindheit im Rheinland kenne ich noch die &#8222;F\u00fcrwitznas&#8220;, dass waren ziemlich neugierige Personen. Im amtlichen Hochdeutsch sind dies &#8222;Vorwitznasen&#8220;. Beim Nature Journaling ist &#8222;Curiosity&#8220; ein wichtiger Begriff<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Jahrhunderte haben verschiedene Wissenschaftler und Philosophen sich zum Staunen und der Neugier ge\u00e4u\u00dfert. F\u00fcr Francis Bacon (1561 &#8211; 1626) war Staunen &#8222;weder metaphysisches Gl\u00fcck noch \u00e4sthetisches Vergn\u00fcgen, sondern ein n\u00fctzliches Mittel der Weltbem\u00e4chtigung.&#8220; (S. 73) Bacons Ziel ist &#8222;nicht ein neues, angemessenes Staunen \u00fcber die Sch\u00f6nheit oder Ordnung der Welt, sondern die Weltbem\u00e4chtigung durch Wissenschaft (&#8222;Macht \u00fcber die Natur)&#8220; (S. 76)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz &#8222;sieht im Neugierverhalten sogar eine allgemeine arterhaltende F\u00e4higkeit, die allen h\u00f6heren Wirbeltieren zukommt, nicht nur den Menschen.&#8220; (S. 82) &#8222;Das Neugierverhalten erh\u00f6ht die Anpassungsf\u00e4higkeit und somit die \u00dcberlebenschancen.&#8220; Als Beispiele nennt er Kolkraben und Wanderratten. &#8222;So kann sich der Kolkrabe auf Vogelinseln wie eine Raubm\u00f6ve, in der W\u00fcste wie ein Aasgeier und in Mitteleuropa wie ein Kleintier- und Insektenfresser verhalten. Eine \u00e4hnliche Flexibilit\u00e4t selbst unter widrigen Umst\u00e4nden l\u00e4sst sich bei der Wanderratte beobachten.&#8220; (S. 83)<\/p>\n\n\n\n<p>Gibt Martens eine Antwort auf die Frage: Kann man staunen gar lernen? Das Buch ist ja kein Ratgeber, nach dem Motto &#8222;Wie sie in 5 Stunden das Staunen lernen&#8220;, aber dennoch enth\u00e4lt es ein paar Hinweise. Wie schon erw\u00e4hnt, staunen heute eigentlich nur noch &#8222;die Dummen und die Kinder&#8220;. Martens wirft einen Blick auf die staunenden Kinder, denn &#8222;Kinder sind f\u00fcr Erwachsene Spiegel ihrer eigenen Kindheit als staunende Philosophen. Daher liegt der Versuch nahe, sich f\u00fcr eine R\u00fcckkehr des eigenen Staunens am Vorbild des Kinderstaunens zu orientieren.&#8220; (S. 97\/98) Wir Erwachsenen meinen wir h\u00e4tten den Durchblick, wir haben uns &#8222;vielfach selbstvergessen in der gut funktionierenden Welt eingerichtet und die Sinnfrage abschlie\u00dfend beantwortet, und das hei\u00dft oft auch, als sinnlos abgetan haben, sind Kinder als Weltneulinge neu neugierig und zum Staunen \u00fcber Unverstandenes und Ungew\u00f6hnliches f\u00e4hig.&#8220; (S. 101) Diese S\u00e4tze klingen dann doch wie aus einem Ratgeber, aber vielleicht ist es ein guter Rat, den wir Erwachsene ausprobieren sollten. Denn &#8222;wer staunen kann und auf Neues, Unerwartetes in der Welt und in seinem Leben neugierig ist, durchbricht wie die Gefangenen in Platons H\u00f6hlengleichnis seine Alltagsroutine, \u00fcberwindet l\u00e4hmende Langeweile, \u00f6ffnet sich \u00fcberraschenden Eindr\u00fccken, erf\u00e4hrt bisher unbeachtete Sichtweisen ewig wiederkehrender Ereignisse und hat die Chance, \u00fcber sein Leben in der Welt erneut nachzudenken und sich selbst neu zu orientieren.&#8220; (S. 121)<\/p>\n\n\n\n<p>Fast am Ende des Buches, hat der Autor dann auch noch konkrete Tipps f\u00fcr die Naturbeobachter, die ihr &#8222;allt\u00e4glichen Neugierverhalten&#8220; daraufhin \u00fcberpr\u00fcfen sollten&#8220;, ob es als Gafferei oder Voyeurismus dem bestaunten Gegenstand gegen\u00fcber den n\u00f6tigen Respekt erbringt. W\u00e4hrend das Staunen seinen Gegenstand in seinem Selbstwert oder Sosein anerkennt und respektiert, degradieren Gafferei oder Voyeurismus das Bestaunte zum Blo\u00dfen Objekt der subjektiven Schaulust. Statt den Details einer Landschaft, von Pflanzen oder von Tieren zu vertiefen und ihren Gesamtanblick zu genie\u00dfen, hakt man Details und Sehensw\u00fcrdigkeiten unbeeindruckt und programmgem\u00e4\u00df ab, nicht um etwas zu sehen, sondern um es gesehen zu haben.&#8220; (S. 124)<\/p>\n\n\n\n<p>Im Nature Journaling will man Staunen und damit Tiere, Pflanzen oder eine Landschaft in ihrem &#8222;Selbstwert oder Sosein&#8220; anerkennen und respektieren, ja Details erkennen, verstehen und genie\u00dfen und nicht nur etwas abhaken. Somit geh\u00f6rt Staunen und Neugier mit zum Nature Journaling und Staunen ist so weit mehr als blo\u00df mit offenem Mund in die Landschaft zu gucken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dem Buch &#8222;Gerechtigkeit f\u00fcr Tiere&#8220; (2022) von der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum las ich interessante S\u00e4tze \u00fcber das Staunen. 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