{"id":28530,"date":"2023-06-03T14:49:00","date_gmt":"2023-06-03T14:49:00","guid":{"rendered":"http:\/\/guentersahler.de\/?p=28530"},"modified":"2023-09-25T10:46:03","modified_gmt":"2023-09-25T10:46:03","slug":"buch-gerechtigkeit-fuer-tiere-nussbaum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guentersahler.de\/?p=28530","title":{"rendered":"Buch: Gerechtigkeit f\u00fcr Tiere (Nussbaum)"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">\u00dcber den F\u00e4higkeitenansatz, <em>Staunen<\/em>, Neugier und <em>&#8222;sorgf\u00e4ltige und liebevolle Beobachtung&#8220;<\/em><\/h5>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich waren diesem Buch zwei Gedanken wichtig: Erstens der im Buch detailliert vorgestellte <em>F\u00e4higkeitenansatz<\/em> und zweitens der Hinweis auf das <em>Staunen<\/em> und die <em>&#8222;sorgf\u00e4ltige und liebevolle Beobachtung&#8220;<\/em>, was bei Naturbeobachter grundlegend sein sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst einmal sei mit ein paar Zitaten dargelegt, wie Nussbaum das Verh\u00e4ltnis von Menschen und Tieren sieht und was bei diesem Verh\u00e4ltnis grunds\u00e4tzlich schief l\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Wir Menschen glauben, dass wir, weil wir uns hier vorgefunden haben, das Recht besitzen, den Planeten zu nutzen, um uns zu ern\u00e4hren, und Teile davan als unser Eigentum zu betrachten. Doch wir sprechen anderen Tieren das gleiche Recht ab, obwohl ihre Situation genau dieselbe ist. Auch sie haben sich hier vorgefunden und m\u00fcssen versuchen, so gut es geht, zu leben.&#8220; (S. 25) <\/em>Die Tiere und wir haben uns also hier auf der Erde &#8222;vorgefunden&#8220;, sitzen demnach im selben Boot. Weder die Tiere noch wir Menschen wurden f\u00fcr eine Vormachtstellung ausgew\u00e4hlt. Und<em> &#8222;jeder wei\u00df, dass die Aktivit\u00e4ten des Menschen den Tieren viel Leid und viele andere Beeintr\u00e4chtigungen zuf\u00fcgen, doch geben viele Menschen nicht zu, dass dies moralisch falsch ist. Sie meinen, wir h\u00e4tten das Recht, so weiterzumachen wie bisher, obwohl es vielleicht sch\u00f6n w\u00e4re, etwas mehr Mitgef\u00fchl zu zeigen.&#8220; (S. 32)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Tiere, also auch wir Menschen, haben<em> &#8222;\u2026 F\u00e4higkeiten, die f\u00fcr jede [\u2026] Art typisch sind.&#8220; (S. 27) Jeder strebt nach einem guten Leben, Tiere und Menschen. Und nicht danach in seinen F\u00e4higkeiten und seinen Vorstellungen vom Leben eingeschr\u00e4nkt zu werden. &#8222;Der Gegensatz zwischen einem bl\u00fchenden und einem eingeschr\u00e4nkten Leben ist die zentrale intuitive Idee dieses Buches.&#8220; (S. 27)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich haben wir Menschen ein paar gute F\u00e4higkeiten, aber <em>&#8222;die F\u00e4higkeiten von Tieren sind bemerkenswert und komplex, und in zahlreichen Eigenschaften sind viele Tiere dem Menschen \u00fcberlegen.<\/em>&#8220; (S. 37) Wir stehen nicht an der Spitze einer von uns aufgestellten Leiter. Es gibt &#8222;Tausende von verschiedenen tierischen Lebensformen, die allesamt eine Art geordneten Strebens nach \u00dcberleben, vollst\u00e4ndiger Entwicklung und Fortpflanzung zeigen. Die Lebensformen sperren sich gegen eine Einstufung auf einer einzigen Skala: Sie sind einfach wunderbar verschieden. &#8230; Wir Menschen gewinnen bei den Parametern Intelligenzquotient und Sprache. Aber wer hat diese Tests erfunden? Viele Tiere sind viel st\u00e4rker und schneller als wird. V\u00f6gel schneiden bei der r\u00e4umlichen Wahrnehmung und der F\u00e4higkeit, sich entfernte Ziele zu merken, weitaus besser ab.&#8220; (S. 55)<\/p>\n\n\n\n<p>Die verschiedenen Tiere haben unterschiedliche F\u00e4higkeiten und ihr Empfinden f\u00fcr ein erf\u00fclltes Leben ist auch sehr unterschiedlich. Wie wir uns als Mensch ein erf\u00fclltes Leben vorstellen kann kein Ma\u00dfstab f\u00fcr die (anderen) Tiere sein. Dies wird genau im F\u00e4higkeitenansatz beschrieben, den Martha Nussbaum so vorstellt: <\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Der F\u00e4higkeitenansatz ordnet die Arten nicht in eine &#8222;Rangliste&#8220;  [Anm: GS: Allgemein stellen wir uns in so einer Rangliste immer an der ersten Position dar] ein oder gibt ihnen &#8222;Pluspunkte&#8220; f\u00fcr ihre \u00c4hnlichkeit mit uns. Stattdessen \u00fcberl\u00e4sst er sich dem Staunen und der Neugier und entdeckt so die vielf\u00e4ltigen und bemerkenswerten Weisen, auf die Tiere nach einem vollst\u00e4ndig entwickelten Leben streben.&#8220;<\/em> (S. 137)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"431\" src=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/mnussb.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-28531\" srcset=\"https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/mnussb.jpg 300w, https:\/\/guentersahler.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/mnussb-209x300.jpg 209w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption>Buchumschlag \u201eGerechtigkeit f\u00fcr Tiere\u201c (2022) von der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Auch f\u00fcr Naturbeobachter interessant<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Einige Seiten des Buches k\u00f6nnten aus einem Manifest f\u00fcr Naturbeobachter sein. Hier geht es ums &#8222;Staunen&#8220;, ums neugierig sein, ums verstehen wollen.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><em>&#8222;Menschen lieben, was sie kennen.&#8220;<\/em> (S. 33): Beobachtet man die Vorg\u00e4nge in der Natur, lernt man sie zu verstehen und zu lieben.<\/li><li><em>&#8222;&#8230; ein Gef\u00fchl des moralisch gestimmten Staunens zu wecken, das zu einem moralisch ausgerichteten Mitgef\u00fchl f\u00fchren kann.&#8220;<\/em> (S. 33) Aus Staunen und verstehen kann Mitgef\u00fchl f\u00fcr eine Art entstehen.<\/li><li>Emotionen &#8222;Staunen&#8220; und &#8222;Ehrfurcht&#8220;: <em>&#8222;Beide sind starke Emotionen, die auf etwas Beeindruckendes und Geheimnisvolles reagieren, aber das Staunen ist aktiver als die Ehrfurcht, st\u00e4rker mit der Neugier verbunden.&#8220; <\/em>(S. 34) Wir reden hier also von verschiedenen Emotionen, die uns helfen zu verstehen.<\/li><li>Aristoteles meinte: <em>&#8222;Zum Staunen geh\u00f6rt, dass man zun\u00e4chst von etwas beeindruckt ist, dass es einen verdutzt und das man dann versucht herauszufinden, was hinter dem Gesehenen und Geh\u00f6rten, das uns beeindruckt, vor sich geht.&#8220;<\/em> (S. 34) Nichts anderes machen Naturbeobachter. Sie halten erstaunt am Wegesrand an, versuchen herauszufinden, was wir sehen und h\u00f6ren.<\/li><li>Staunen: <em>&#8222;Es f\u00fchrt uns von uns selbst weg und zum anderen hin. &#8230; und es hat nichts mit unserem pers\u00f6nlichen Streben nach Wohlbefinden zu tun.&#8220;<\/em> (S. 34) Wir staunen nicht \u00fcber uns, sondern \u00fcber die Natur.<\/li><li><em>&#8222;Wir sehen, dass Lebewesen einen Zweck verfolgen, dass die Welt f\u00fcr sie auf eine Weise bedeutsam ist, die wir nicht ganz verstehen, und wir sind neugierig und fragen uns: Was bedeutet ihnen die Welt? Warum bewegen sie sich? Wonach streben sie?&#8220;<\/em> (S. 35) Fragen, Fragen, Fragen &#8211; ganz typisch f\u00fcr Naturbeobachter.<\/li><li><em>&#8222;Wie die Liebe ist das Staunen epistemisch: Es f\u00fchrt uns \u00fcber uns selbst hinaus und erweckt eine aufkeimende moralische Anteilnahme.&#8220;<\/em> (S. 36) Wir sehen nicht mehr nur uns selber, sondern versuchen uns in Anteilnahme.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Martha Nussbaum meint, uns w\u00fcrde <em>&#8222;das Staunen \u00fcber die Vielfalt der Natur, die Liebe zu den vielen besonderen Formen des Lebens&#8220;<\/em> (S. 57) fehlen. Staunen ist also der erste Ansatz um die F\u00e4higkeiten von Tieren verstehen zu k\u00f6nnen. Um \u00fcberhaupt ihr Leben verstehen zu k\u00f6nnen<em> &#8222;&#8230; m\u00fcssen wir uns viele Lebensgeschichten von Tieren von Experten erz\u00e4hlen lassen, die eng mit einer bestimmten Tierart zusammengelebt und diese Tiere \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume hinweg studiert haben.&#8220;<\/em> (S. 127) Hier geht es also um Beobachten, Wissensaufbau und Lernen, um damit die F\u00e4higkeiten der Arten zu ermitteln. Denn <em>&#8222;idealerweise sollten wir \u00fcber so viel Wissen verf\u00fcgen, dass wir f\u00fcr jede Art von Lebewesen eine eigene Liste erstellen k\u00f6nnten, auf der die Dinge stehen, die f\u00fcr sein \u00dcberleben und Gedeihen am wichtigsten sind. Tats\u00e4chlich wird die Liste von den Tieren selbst geschrieben, indem sie bei ihrem Versuch zu leben ihre wesentlichen Bed\u00fcrfnisse zum Ausdruck bringen.&#8220;<\/em> (S. 130) Genaues beobachten, hinterfragen und dokumentieren, indem beispielsweise Listen erstellt werden. <em>&#8222;Ein bemerkenswertes Beispiel f\u00fcr die Grundlage einer solchen Liste ist das Elefanten-Ethogramm, das Joyce Poole und ihre Mitarbeiter f\u00fcr den afrikanischen Savannenelefanten erstellt haben. Diese beachtliche Datenbank enth\u00e4lt alles, was wir bisher \u00fcber die Lebensform (dieser Art) des Elefanten wissen: \u00fcber Kommunikation, Bewegung und alle charakeristischen Aktivit\u00e4ten.&#8220;<\/em> (S. 131) Jede Tierart hat <em>&#8222;ihre eigene Form der sozialen Organisation und sogar der Sinneswahrnehmung. Nur eine sorgf\u00e4ltige und liebevolle Beobachrung wird zeigen, was hier\u00fcber gesagt werden sollte.&#8220;<\/em> (S. 134)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Martha Nussbaum<\/strong> ist Philosophin&nbsp;und&nbsp;Professorin&nbsp;f\u00fcr&nbsp;Rechtswissenschaften&nbsp;und&nbsp;Ethik in Chicago.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr zum &#8222;Staunen&#8220; in diesem Buchreview: <a href=\"https:\/\/guentersahler.de\/?p=27872\">\u201eVom Staunen oder Die R\u00fcckkehr der Neugier\u201c (2003, Ekkehard Martens)<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber den F\u00e4higkeitenansatz, Staunen, Neugier und &#8222;sorgf\u00e4ltige und liebevolle Beobachtung&#8220; F\u00fcr mich waren diesem Buch zwei Gedanken wichtig: Erstens der im Buch detailliert vorgestellte F\u00e4higkeitenansatz und zweitens der Hinweis auf das Staunen und die &#8222;sorgf\u00e4ltige und liebevolle Beobachtung&#8220;, was bei &hellip; <a href=\"https:\/\/guentersahler.de\/?p=28530\">Weiter<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":28531,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[71,33,16,42],"tags":[],"class_list":["post-28530","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-animal-history","category-blog","category-buecher","category-natur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guentersahler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28530"}],"collection":[{"href":"https:\/\/guentersahler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guentersahler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guentersahler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guentersahler.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=28530"}],"version-history":[{"count":38,"href":"https:\/\/guentersahler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28530\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":29857,"href":"https:\/\/guentersahler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28530\/revisions\/29857"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guentersahler.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/28531"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guentersahler.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=28530"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guentersahler.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=28530"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guentersahler.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=28530"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}