{"id":36422,"date":"2025-10-12T15:58:37","date_gmt":"2025-10-12T15:58:37","guid":{"rendered":"https:\/\/guentersahler.de\/?p=36422"},"modified":"2025-10-12T19:13:45","modified_gmt":"2025-10-12T19:13:45","slug":"schreiben-als-denkwerkzeug-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guentersahler.de\/?p=36422","title":{"rendered":"Exkurs: Schreiben als Denkwerkzeug (4)"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Schreiben als Lern- und Denkmethode<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der einfachsten Form wird Schreiben zur \u201eVerdauerung fl\u00fcchtiger Gedanken\u201c (Molitor-L\u00fcbbert 2003, S. 33) genutzt. Durch das Mitschreiben der gesprochenen Sprache kann der Schreiber das was er h\u00f6rt in den dauerhaften Raum der Sprache absetzen, \u201eallein durch diesen Akt kann Wissen, von Rede getrennt, geboren werden\u201c (Illich\/Sanders 1988, S. 17). Durch die Notizen, die z.B. Teilnehmer in einem Seminar machen, indem sie Inhalte mitschreiben, schaffen sich die Teilnehmer einen \u201eexternen Speicher und entlasten damit das Ged\u00e4chtnis\u201c (Molitor-L\u00fcbbert 2003, S. 33).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Alltag, beim schnellen Verfassen von Briefen oder E-Mails, dient Schreiben als Kommunikationsinstrument dem \u201eAustausch von Informationen \u00fcber Zeit und Raum hinweg\u201c (ebd.). Schreiben ist aber \u201eviel mehr als nur Datenspeicher und Kommunikationsinstrument: Es ist zus\u00e4tzlich noch Denkwerkzeug\u201c (Scheidt 2006, S. 15), denn \u201edas Denken beeinflusst das Schreiben, und umgekehrt\u201c (Molitor-L\u00fcbbert 2003, S. 33). Weiterhin wurde festgestellt, dass \u201esich sowohl beim Lernen als auch beim Schreiben \u00e4hnliche Denkprozesse\u201c (Hofer 2006, S. 117) einstellen, so dass man allgemein sagen kann, dass \u201eSchreiben Lernprozesse unterst\u00fctzt und f\u00f6rdert\u201c (ebd.). Bei einer bewussten Anwendung des Schreibens als Denkmethode, kann das Schreiben dabei als \u201eVerlangsamung des Bildungsprozesses\u201c (Behrens-Cobet\/Reichling 1997, S. 39) betrachtet werden, bei dem es weniger um das Ergebnis des Schreibens (dem Text als Produkt) geht, \u201esondern um die Mu\u00dfe des R\u00fcckerinnerns, um Assoziationen, um einen in der Dynamik des Seminargeschehens so nicht praktikablen Denk-Proze\u00df, der st\u00e4rker individuelle Verarbeitungsmuster zur Entfaltung bringt\u201c (ebd.). Statt der Beschleunigung der Wissensaneignung, die vielfach im Vordergrund steht, ist beim Schreiben als Denkmethode das reflexive Erinnern und \u00dcberdenken wichtig, welches als Verkn\u00fcpfung von bereits bestehendem Wissen mit neuen Erkenntnissen angesehen werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Imdem dem Lerner mehr Zeit zum Denken gegeben wird und er sich in einem bestimmten Zeitraum nicht nur ein paar Notizen macht, die das Resultat seines Denkprozesses darstellen, sondern einen mehr oder weniger langen Text formuliert, der sp\u00e4ter nicht nur als Ged\u00e4chtnisst\u00fctze dient, sondern auch bereits die Ausformulierung darstellt, wird der Teilnehmer \u201egezwungen\u201c bereits zu diesem Zeitpunkt seine Gedanken zu strukturieren. Dabei besteht die M\u00f6glichkeit, den Text nicht nur in einem Schwung zu schreiben, sondern der Text kann \u00fcberdacht, korrigiert oder verbessert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>In Seminaren, bei denen in Gespr\u00e4chen denken und sprechen nahezu gleichzeitig erfolgen, k\u00f6nnen die individuellen Unterschiede der einzelnen Teilnehmer nicht kompensiert werden. Hier ist der Schnelldenker und -sprecher in zweierlei Hinsicht im Vorteil: der Vortrag des Gedachten bleibt ohne Stockungen verst\u00e4ndlich und die wesentlichen Gedankeng\u00e4nge werden direkt vorgetragen. Wohingegen die Personen, die mehr Zeit zum Nachdenken ben\u00f6tigen, spontan nur einen Teil ihrer Gedanken vortragen k\u00f6nnen. Durch Schreiben wird zwar der Seminarablauf verz\u00f6gert, allerdings erhalten nun alle Teilnehmer gen\u00fcgend Zeit ihre Gedanken zu sortieren und zu formulieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine wesentliche Voraussetzung zum Verfassen von Texten ist die Schreibkompetenz, die bei Erwachsenen in sehr unterschiedlichem Ma\u00dfe vorhanden sein kann. Erfahrene Schreiber und Schreibnovizen werden nicht nur qualitativ unterschiedliche Texte produzieren, sondern sie werden Schreiben auch ganz unterschiedlich als Denkwerkzeug einsetzen k\u00f6nnen. Daher ist insbesondere f\u00fcr unerfahrene Schreiber eine \u201eHerausarbeitung von Probleml\u00f6sungsstrategien\u201c (Hofer 2006, S. 90) wichtig. Diese sollen zum bewussten Nachdenken \u00fcber den Schreibprozess, \u00fcber Ziele und Struktur der Texte, \u00fcber die Wirkung beim Leser sowie zur Analyse und Bewertung von fremden und eigenen Textinhalten anregen. Der begleitende Erwachsenenbildner, mit dem Wissen \u00fcber den Textproduktionsprozess und dessen Einflussfaktoren sowie gute Kenntnisse in seinem Fachgebiet, wird dazu die passenden Methoden vorstellen, die den Lernern als Probleml\u00f6sungs-strategien und zur Entwicklung einer Schreibkompetenz dienen sollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Schreiben sind verschiedene Faktoren zu ber\u00fccksichtigen, die Einfluss auf den Text nehmen k\u00f6nnen. Hausdorf und Stoyan fassen diese Faktoren in einem Rahmenmodell des Textproduktionsprozesses (vgl. Hausdorf \/ Stoyan 2005, S. 115) zusammen. Sie unterscheiden drei Hauptkomponenten: Textproduzent, physische Umgebung und soziale Umgebung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Textproduzent<\/em> wird beeinflusst von seiner Motivation, seinem Interesse am Thema, seinem Ged\u00e4chtnis und den kognitiven Prozessen. Kann der Lerner sein Thema selber w\u00e4hlen, dann kann von einer intrinsischen Motivation ausgegangen werden. Bei einem fremdgesteuerten Thema wird der Lerner eher extrinsisch motiviert sein. Nicht jeder Schreiber wird seine Schreibunlust bei einem ihn nicht interessierenden Thema durch Selbstmotivation \u00fcberwinden k\u00f6nnen (vgl. Fix 2006, S. 28), sondern wird resignieren und abbrechen. Mit Teilnehmerorientierung wird versucht \u201edurch das Aufsp\u00fcren der Interessen intrinsische Motivation zu f\u00f6rdern\u201c (Wolf\/Peuke 2003, S. 38).<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Schreiben spielen sowohl das Kurzzeitged\u00e4chtnis (aktuelle Eindr\u00fccke, gerade stattfindender Denkprozess), als auch das Langzeitged\u00e4chtnis (das gespeichertes Wissen, die autobiografische Erinnerung) eine Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kognitiven Prozesse beinhalten die Textinterpretation der Quelltexte, die Informationsaufnahme, die Reflexion der Informationen und die unmittelbare Textproduktion. Mit Metareflexion werden die eigenen kognitiven Prozesse des Schreibers, wie Gedanken, Meinungen und Einstellungen ber\u00fccksichtigt. Beim Schreiben ist das metakognitive Wissen wichtig, wobei das \u201eNachdenken \u00fcber das eigene Denken\u201c (Fix 2006, S. 21) gemeint ist, bei dem die \u201eVorgehensweise bei der Textproduktion\u201c (ebd., S. 22) reflektiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur <em>physischen Umgebung<\/em> k\u00f6nnen das Produktionsmedium (Computer, Stift und Papier), Aufzeichnungen und Fachtexte sowie der bisher produzierte Text geh\u00f6ren. Beim Produzieren des Textes findet eine \u201cR\u00fcckkopplungsschleife zwischen Schreiben und Lesen\u201c statt, bei der \u201edas Schreibprodukt vom Standpunkt des Schreibers inhaltlich und formal beurteilt wird\u201c (Molitor-L\u00fcbbert 2003, S. 38).<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der <em>Sozialen Umgebung<\/em> spielen Adressanten und die Koautoren eine Rolle. Die Leser sollen beim Formulieren ber\u00fccksichtigt werden. Es soll auf ihre Bed\u00fcrfnisse eingegangen werden und in ihrer Sprache geschrieben werden. Fix spricht in diesem Zusammenhang von der \u201eF\u00e4higkeit der Leserantizipation\u201c (Fix 2006, S. 27), die der Schreiber sich aneignen soll. Bei der Zusammenarbeit mit weiteren Autoren kann der Grad der Zusammenarbeit sehr unterschiedlich sein und von der ausschlie\u00dflichen Besprechung und Abgrenzung des Themas bis hin zum gemeinsamen Formulieren eines Textes reichen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schreiben als Lern- und Denkmethode In der einfachsten Form wird Schreiben zur \u201eVerdauerung fl\u00fcchtiger Gedanken\u201c (Molitor-L\u00fcbbert 2003, S. 33) genutzt. 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