{"id":36424,"date":"2025-10-12T16:00:20","date_gmt":"2025-10-12T16:00:20","guid":{"rendered":"https:\/\/guentersahler.de\/?p=36424"},"modified":"2025-10-12T19:14:03","modified_gmt":"2025-10-12T19:14:03","slug":"schreiben-als-denkwerkzeug-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guentersahler.de\/?p=36424","title":{"rendered":"Exkurs: Schreiben als Denkwerkzeug (5)"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Schreiben als Mittel zur Erkenntnisgewinnung und zur Reflexion<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Beim schlichten Abschreiben von Texten k\u00f6nnen wir gleichzeitig \u00fcber ganz andere Dinge nachdenken. Beim Formulieren von eigenen Texten ist dies nicht m\u00f6glich, denn \u201eeigenformuliertes Schreiben bedeutet Konzentration und ein Zu-sich-Kommen\u201c (Memminger 2007, S. 33). Durch Schreiben gelingt es dabei \u201ebleibende Spuren \u2013 wenn nicht auf dem Papier, dann in uns selbst\u201c (Illich\/Sanders 1988, S. 17) zu hinterlassen. Es kommt zu einem Erkenntnisgewinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterschieden werden kann zwischen Wissen wiedergebendem Schreiben und Wissen schaffendem Schreiben. Wenn wir Wissen wiedergebend schreiben, dann schreiben wir auf, was wir zuvor schon gewusst haben, das was wir erlebt oder gelernt haben, es handelt sich um \u201ebiographisches Wissen aus unserer Wirklichkeit, das wir abrufen und wiedergeben k\u00f6nnen\u201c (Brugger 2004, S. 57). Dieses Wissen k\u00f6nnen wir \u201eohne besondere Umstrukturierung und ohne weitere Bewertungsprobleme oder Umstrukturierungs-Notwendigkeiten\u201c (ebd.) aufschreiben, allerdings ohne neue Erkenntnisse hinzu zu gewinnen. Solches Niederschrieben kennt man aus der Schule, wo der Sch\u00fcler auswendig gelerntes Wissen nahezu unver\u00e4ndert abspult. W\u00e4hrend des Schreibens findet kein Lernprozess statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Folgt man Brugger, dann verzichten wir, wenn wir nur Wissen wiedergebend schreiben, auf die M\u00f6glichkeit, ein neues Verst\u00e4ndnis von den an einer Angelegenheit beteiligten Zusammenh\u00e4ngen schreibend zu entwickeln, unsere Erfahrungen zu reflektieren und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Dieses Vermeiden bedeutet eine \u201eAussparung des bewussten Weiter-Denkens, der Reflexion, der Auseinandersetzungen mit den \u201aInhalten\u2019 beim Schreiben\u201c (Brugger 2004, S. 61).<\/p>\n\n\n\n<p>Wissen schaffendes Schreiben hingegen ist eine wirkungsvolle Form des \u201eWeiterverarbeitens eigenen Wissens\u201c (Eigler 1990, S. 109), bei der der Schreiber w\u00e4hrend des Schreibprozesses zu einer \u201eNeuorganisation des Wissens im Hinblick auf eine bestimmte Themenstellung, eine bestimmte Zwecksetzung und einen bestimmten Adressatenkreis\u201c (ebd.) gezwungen wird. Diese Arbeitsweise, die \u201eunabh\u00e4ngig vom Wissensstand immer wieder dazu zwingt, sein Wissen einer Ordnung zu unterwerfen\u201c (Molitor-L\u00fcbbert 2003, S. 36) kann zur Gewinnung neuer Erkenntnisse f\u00fchren, da man sein bisheriges Wissen besser durchschaut und \u201eneue Beziehungen im eigenen Wissen aufleuchten, dabei auch Unklarheiten und Unstimmigkeiten im eigenen Wissen bewu\u00dft werden\u201c (Eigler 1990, S. 109). Molitor-L\u00fcbbert (2003, S. 35) bezeichnet das Schreiben als Materialisierung von Gedanken, diese Verbalisierungsprozesse umfassen mehr als nur das Aneinanderreihen von W\u00f6rtern,&nbsp; \u201esondern auch viele Schritte der Konkretisierung, die sich zum Teil abwechselnd auf der mentalen, averbalen Ebene und der verbalen schriftlichen Oberfl\u00e4che abspielen, teilweise auch zwischen den beiden Ebenen auf dem Weg vom Gedanken zum Wort\u201c. Der Wissen schaffende Schreiber \u00fcberpr\u00fcft und hinterfragt seine Erfahrungen und erarbeitet sich \u201eim Sinne einer dialektischen Verschr\u00e4nkung von Aneignung und Vergegenst\u00e4ndlichung eine neue Wirklichkeit, seine Wirklichkeit\u201c (Koch \/ Pielow 1984, S. 44). Dabei bildet das Schreiben Erfahrungen nicht nur \u201esichtbar oder vorstellbar ab, sondern, es treibt sie weiter, differenziert sie, weitet sie aus\u201c (ebd., S. 43). Das reflektierende Denken w\u00e4hrend des Schreibprozesses bewirkt eine intensive und kritische Auseinandersetzung mit dem Text, der Schreiber entdeckt die volle Tragweite seiner Gedanken, wenn n\u00f6tig revidiert er diese und bleibt so in st\u00e4ndiger Auseinandersetzung mit dem Text und entwickelt sein eigenes Wissen weiter (vgl. Molitor-L\u00fcbbert 2003, S. 38).<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u201eZwang zur Reflexion\u201c (Memminger 2007, S. 33), der beim Schreiben von eigenen Texten notwendig ist, f\u00e4llt allerdings manchen Menschen schwer und ist einer der Gr\u00fcnde, weshalb viele \u201eSchwierigkeiten mit dem Formulieren haben\u201c (ebd.). Dar\u00fcber hinaus ist nicht jeder Schreibende aus Mangel an Schreibkompetenz in der Lage sich mit seinem Text intensiv auseinander zusetzen. Damit trotzdem ein Reflexionsprozess angesto\u00dfen werden kann, kann es hilfreich sein, \u201ewenn Personen einbezogen werden, die nicht zum Kreis der unmittelbar Beteiligten geh\u00f6ren\u201c (Br\u00e4uer 2003, S. 145). Br\u00e4uer meint, es sei \u201edie fremde Stimme, die von den Schreibenden nach langer Arbeit an den eigenen Texten besonders intensiv wahrgenommen wird\u201c (ebd.). Dies k\u00f6nnen Personen aus der Arbeitsgruppe sein oder auch Freunde und Bekannte, die als Testleser ihre Meinung \u00e4u\u00dfern sollen. Dieses Testlesen und die anschlie\u00dfend ge\u00e4u\u00dferte Meinung, bedeuten nicht, \u201edass daraus auch immer Textver\u00e4nderungen erwachsen\u201c (ebd.), doch durch die kritische Betrachtung von au\u00dfen soll der Schreiber zum Nachdenken \u00fcber seinen Text angeregt werden. So kann es sein, dass der Schreiber einige Passagen \u00fcberarbeitet, andere Textstellen aber \u201everteidigt\u201c und unver\u00e4ndert l\u00e4sst. Der Erwachsenenbildner soll hier aber nicht als Korrektor oder Lehrer auftreten, sondern mehr als Berater, der Probleml\u00f6sungsstrategien und Methoden anbietet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schreiben als Mittel zur Erkenntnisgewinnung und zur Reflexion Beim schlichten Abschreiben von Texten k\u00f6nnen wir gleichzeitig \u00fcber ganz andere Dinge nachdenken. 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