Interview mit Ralf Zeigermann, Grafiker, Illustrator, Comiczeichner

Dein frühester Comic von dem ich weiß, ist der über das Treiben im Ratinger Hof 1978, den du als Reed Richards zusammen mit Richard Nix(on) (Detlev Klever) gezeichnet hast, den man heute noch in den Untiefen der Rondo-ton-Webseite finden kann. Aber angefangen mit dem Zeichnen hast du doch sicherlich schon als Kind. Kam dir da schon der Gedanke, dass du vielleicht das Zeichnen zum Beruf machen könntest?

Ralf Zeigermann aka Reed Richards war Gitarrist bei The Neat,
ST42 und den Clox (Zeichnung: Sahler 2015).

Ich habe tatsächlich schon immer gezeichnet, eigentlich seitdem ich denken kann. Und ursprünglich wollte ich in Hamburg oder Düsseldorf Kunst studieren, aber das war bei meinen Eltern nicht durchzudrücken. Der Kompromiss war dann Studium des Graphik-Designs mit Schwerpunkt Illustration. Spätestens ab da dachte ich dann schon daran, dass da vielleicht mal ein Beruf draus werden könnte. Das Problem ist natürlich, dass mit dem Zeichnen, ähnlich wie bei der Musik, nur sehr schwer Geld zu verdienen ist – jetzt sogar noch weitaus schwerer als vor 30 Jahren.

Spätere Veröffentlichungen von dir trugen die Titel „Busfahrt“ (1979), „Antarktis-Expedition 1931/32“ (1986) und „Die Randomisier-Maschine oder die begründete Angst des Buchhändlers vor den Zufallsmusterndes Dr. G.“ (1988). Da warst du schon hauptberuflich als Grafiker tätig und hast diese Bücher quasi nebenbei gezeichnet und geschrieben.

„Busfahrt“ habe ich während des Studiums gemacht. Ich habe zu der Zeit Illustrationen für ein Science-Fiction-Fanzine gemacht, „Solaris“, das von Christian Hellmann in Dinslaken herausgegeben wurde. Christian hat dann das Graphik-Portfolio „Busfahrt“ publiziert. Die Antarktis-Expedition als auch die Ranomisiermaschine habe ich geschrieben und gezeichnet, als ich schon in Lohn und Brot stand, erst bei GGK, dann bei Scholz & Friends.

In dem Buch „Die Randomisier-Maschine oder die begründete
Angst des Buchhändlers vor den Zufallsmustern des Dr. G.“
(1988 erschienen) spielen der korrupte Buchhändler Herr
Kompkötter, Dr. G. und seine Randomisier-Maschine eine Rolle.
Verlegt von Franz Greno in Nördlingen.

Gearbeitet wurde damals natürlich mit analogen Werkzeugen, wie du es in dem Buch „Die Werkzeuge des Grafikers“ dokumentiert hast. In der Zeit von ca. 1985 bis in die frühen 90er hat sich bei den Werkzeugen ein gewaltiger Wandel vollzogen. Wie hat Desktop Publishing (DTP) damals zu dir gefunden? Wie hast du das erlebt? Vermisst du manchmal die alte Arbeitsweise oder überwiegt mehr die Freude über die heutigen Tools?

Ich hatte in den frühen 80ern schon einen Heimcomputer, einen Dragon32 (mit 32 Kilobyte Speicher) und war damals schon begeistert von den pixeligen Graphiken und den fiependen Geräuschen. Als Apple den ersten MacIntosh herausbrachte, war ich natürlich auch begeistert, konnte mir das Ding aber überhaupt nicht leisten. Ich habe mir dann später erst einen Atari ST und danach dann einen Atari TT zugelegt – das OS war ähnlich aufgebaut wie das der Macs und die Graphiksoftware war zum Teil sogar noch besser. DTP habe ich also gleich mit offenen Armen aufgenommen, ich fand die Technik und die Möglichkeiten einfach toll. Was mir nicht so gut gefällt, ist das altes Wissen doch schnell verloren geht. Kaum jemand weiß noch große Headlines ordentlich zu kernen [Anmerkung: Der Fachausdruck Kerning meint in der Typografie den optischen Ausgleich von Buchstaben], Kunden denken manchmal, man müsse nur einen Knopf drücken und schon ist alles gestaltet – durch die Computer ist der Job eindeutig etwas hektischer geworden.

Aber bevor ich z.B. mit einem Airbrush plus Kompressor herumfummele und mir die Bude verpeste, mach ich’s doch lieber schnell und sauber in Photoshop oder Illustrator. Vermisst habe ich die alten Arbeitsweisen insofern, als dass ich mir für die Arbeit an dem Buch „Die Werkzeuge des Grafikers“ über eBay alles neu kaufen musste – Rapidographen, Magic Marker, Letraset …

Du hast zuerst in Düsseldorf, später in Hamburg bei Agenturen gearbeitet, ab 1993 in England bei der Cambridge University Press und nun seit ein paar Jahren als selbstständiger Buchdesigner. Den Beruf des Buchdesigners stelle ich mir so vor, dass er das Layout macht, dazu passende Bilder und eine Schmuckfarbe auswählt – so in der Art? Vermisst du als Zeichner eigentlich in der heutigen Zeit Buchillustrationen?

So in der Art stimmt das perfekt. Buchillustrationen gibt es ja noch und die werden ja auch noch gemacht, aber rundum vermisse ich Buchillustrationen natürlich ständig! Ich finde, fast jedes Buch sollte illustriert sein. Ich denke auch, dass die Zeit der Buchillustration noch längst nicht vorbei ist, gerade im Bereich ePub [Anmerkung: also eBooks] werden in einigen Jahren wohl Dinge möglich sein, von denen wir jetzt nicht einmal träumen. Zum Teil gibt es ja jetzt schon einige tolle Sachen, ich habe z.B. eine interaktive Ausgabe von Joyces „Ulysses“ mit drei verschiedenen Textvarianten, Audio-Lesungen, Querverweisen, Fotos, Musik usw. Wenn da noch die alten Henri Matisse-Illustrationen bei wären, dann wäre es perfekt. Doch, ich glaube gerade in dem Bereich wird sich noch einiges tun. Und dann gibt es natürlich eine Flut an Graphic Novels – um auch da mal einen Vergleich zur Musik zu ziehen: früher gab es etwa hundert Bands, und man wusste wer da gut und wer nicht so gut war. Heute gibt es eine Million Bands und man blickt nicht mehr durch. Das gleiche gilt für Graphic Novels/Comics.

Nach deinem dokumentarischen Buch „Ratinger Hof“ (mit Fotos und Geschichten) erschien 2014 der Comic „Rattinger Hoff“, dessen Handlung in der Kanalisation unter dem Ratinger Hof spielt. Hier hast du glaube ich mit Bleistift und Tusche gezeichnet und mit einem iPad koloriert. Oder wie ist der „Rattinger Hoff“ technisch entstanden?

Ich habe erstmal ein Drehbuch geschrieben und das mit der Verlegerin Frau Gonzo abgestimmt. Dann habe ich die Seiten grob auf dem iPad mit der „Paper“-App vorskizziert. Die eigentlichen Zeichnungen entstanden mit Feder, schwarzer „Rohrer & Klingner“ Tusche aus Leipzig auf Bristolkarton aus England (ich habe bisher noch keine Software gesehen, die einen schwarzen Feder- oder Pinselstrich ordentlich simulieren kann – es sieht immer irgendwie „falsch“ aus). Die Pappen habe ich gescannt und in die „Procreate“-App auf dem iPad übertragen, womit ich sie koloriert habe. Die farbigen Seiten habe ich in InDesign importiert, wo ich auch die Sprechblasen und Texte eingefügt habe und überhaupt die druckfertige Reinzeichnung erstellt habe.

Umschlag von „Rattinger Hoff“ (2014). Erschien im Mainzer gONZo Verlag von Miriam Spies.

Das Interview führte G. Sahler im Frühjahr 2015 und erschien ursprünglich in der Blechluft 8 (2015).