Archiv für den Tag: August 21, 2021

Das geheime Leben von (fast) allem

Über die Jahre erschienen einige Sachbücher die die Leserinnen über das geheime bzw. das geheimnisvolle Leben von Pflanzen, Insekten, Bäumen und Pilzen aufklärten. Es sind Sachbücher, die sich an ein breiteres Publikum richten, an der Natur interessierte Leserinnen. Robert Hofrichter hatte den Vorsatz gehabt „in einem hoffentlich unterhaltsamen Sachbuch über Pilze eine möglichst allgemeinverständliche Sprache“ zu verwenden, wenn es auch nicht immer leicht sei („Das geheimnisvolle Leben der Pilze“, S. 69)

Eine Voraussetzung für die Lektüre dieser Bücher ist demnach nicht ein Studium in Biologie, sonstigen Natur- oder Geo- oder Forstwissenschaften. Offenbar gibt es einen Bedarf dem Laien dieses „geheime“ Leben näher zu bringen. So schaffen es diese Bücher auch in die Buchhandlungen und nicht nur in wissenschaftliche Bibliotheken. Eine feine Sache finde ich.

Peter Tompkins / Christopher Bird: Das geheime Leben der Pflanzen. Erschien ursprünglich 1973 (The Secret Life of Plants) . Die Abbildung zeigt das Titelbild der 26. Auflage von 2009.
Stefano Mancuso/Alessandra Viola: Die Intelligenz der Pflanzen. Die Originalausgabe (Verde brillante. Sensibilità e intelligenza del mondo vegetale) erschien 2013 in Italien. Die deutsche Ausgabe im Jahr 2015.

Der Biologe Stefano Mancuso ist Professor für Pflanzenkunde an der Universität in Florenz. Sein Fachgebiet ist die umstrittene Pflanzenneurobiologie. Alessandra Viola ist Wissenschaftsjournalistin.

Mancuso versucht in dem Buch die Pflanzenwelt in das ihr gebührende Licht zu rücken. Es kann ja auch nicht sein, dass wir weiterhin die Pflanzen als dumme, vor sich hin vegetierende, Dinge betrachten. Pflanzen sind ja keine Steine, nur weil sie „sesshafte Organismen sind, die sich nicht von der Stelle rühren“ (S. 8), sondern wie wir Lebewesen. Es ist nicht nur der Wind der sie hin und her bewegt, sondern „sie wachsen zum Licht, weichen Gefahren aus oder neigen sich in Richtung Kletterhilfe.“ (S. 40) Die Autoren stellen dar, wie wir zu unserer Denkweise über Pflanzen gekommen sind, sie blicken zurück bis in die Antike.

An einigen Stellen des Buches dachte ich mir, dass wir mit unserem Wissen und Denken über die Pflanzen noch nicht viel weiter gekommen sind. Noch immer hängen wir in alten Denkweisen fest: „Die Biologie, so kann man sagen, ist dem vorkopernikanischen Denken weiter verhaftet. Sie glaubt, der Mensch sei das wichtigste Lebewesen, um das sich alles dreht.“ (S. 42/43) Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass „99,5 Prozent der gesamten Biomasse auf der Erde“ (S. 43) die Pflanzen zur Verfügung stellen. Und sie ermöglichen uns erst das Leben auf der Erde, denn „ohne Fotosynthese [der Pflanzen] hätte sich der Sauerstoff, den wir zum Atmen brauchen, nie gebildet. Pflanzen stehen auch am Anfang unserer Nahrungskette und ihnen verdanken wir … unsere Energieressourcen, die fossilen Brennstoffe …“ (S. 9) Trotzdem werden die Pflanzen weiterhin „völlig unterschätzt, obwohl unser Überleben und unsere Zukunft auf der Erde genau davon abhängen.“ (S.30) Verwundert bin ich daher, dass wir als Menschen immer noch so wenig über die Pflanzen wissen, sie wie mechanische Dinge oder einen leblosen Stein betrachten. Die Kommunikation mit Pflanzen ist nun wirklich nicht so einfach, aber als intelligente Wesen, sollten wir doch versuchen sie zu verstehen, wo sie als Nutzpflanzen doch unsere Grundnahrungsmittel (Mais, Reis, Weizen, Kartoffeln, Soja etc.) und zahlreiche Rohstoffe für die industielle Produktion liefern.

Bücher wie „Die Intelligenz der Pflanzen“ sind erst der Anfang das Wissen über die Pflanzenwelt zu dokumentieren. Die Wahrheit über das wirkliche Wesen Pflanze, so scheint es mir, scheint noch im dichten Nebel versteckt zu sein. Jetzt schon von „intelligenza“ bei Pflanzen zu reden, geht einigen Kritikern des Buches deutlich zu weit. Sehen, hören, fühlen, kommunizieren, denken und Entscheidungen treffen – das können wir Menschen (und die Tiere), aber den Pflanzen wird dies abgesprochen. Und gerade dies, also sehen, hören, fühlen, kommunizieren, denken wollen die Autoren den Pflanzen zusprechen.

Kritiker werfen diesen Art von Büchern teilweise die Verwendung von Wörtern wie „Familie“ und „Verwandtschaft“ bei Pflanzen vor. Ein Satz wie „Pflanzen können nicht nur zweifellos Verwandte erkennen, sie sind ihnen auch überaus freundlich gesonnen“ klingt provokativ. Wie sollen Pflanzen ihre Kinder, Eltern oder Enkel erkennen? Logischerweise sind dies Metaphern, um mit unserer Sprache, sich ein wenig den Pflanzen als Lebewesen annähern zu können. Wenn man sich aber klar macht, „dass das eigentliche Ziel des Lebens die Verteidigung des eigenen Erbguts ist [, ist] … jede Konkurrenz mit engen Blutsverwandten nichts als Energieverschwendung.“ (S. 92/93) Ich denke so lässt sich doch verstehen, was mit der Metapher Verwandtschaft hier gemeint ist.

Wir sehen die Pflanzen zumeist nur als Lebewesen über der Erdoberfläche. Die Wurzeln betrachten wir als Beiwerk, dass die Pflanze in der Erde verankert, würde sie doch sonst vom Wind weggetragen. Klar wissen wir, dass die Pflanzen über die Wurzeln Wasser und Nährstoffe aufnehmen. Aber sonst? Überhaupt ist die Wurzelökologie noch eine Welt für sich, mit denen sich auch nicht all zu viele Forscher zu beschäftigen scheinen (vgl. aber Bücher wie „Wurzelatlas“ und „Pflanzenwurzeln“ oder Forscherinnen wie Lore Kutschera, Erwin Lichtenegger oder Monika Sobotik, Webseite: wurzelforschung.at). Spannend finde ich auch das, die „Kommunikation zwischen Pflanzen“ über „unzählige chemische Moleküle in Luft oder Wasser abläuft“ (S. 90) und sie sogar mit Insekten in Kontakt treten.

Dave Goulson: Das Summen in der Wiese — Das geheime Leben der Insekten. Die Orginalausgabe (A Buzz in the Meadow) erschien 2014 in Großbritannien. In Deutschland 2016. Die Abbildung zeigt die Taschenbuchausgabe von 2018.
Peter Wohlleben: Das geheime Leben der Bäume. Das Buch erschien erstmals 2015.
Torben Halbe: Das wahre Leben der Bäume. Das Buch erschien erstmals 2017. Titelbild: Vierte Auflage 2020.
Robert Hofrichter: Das geheimnisvolle Leben der Pilze. Das Buch erschien erstmals 2017. Titelbild der Taschenbuchausgabe von 2018.

Der Autor Robert Hofrichter ist Zoologe und Biologe. Sein Pilzbuch ist kein Bestimmungsbuch, sondern es geht um das Lebewesen Pilz an sich. So erläutert Hofrichter schon früh im Buch die Partnerschaft zwischen Pflanzen und Pilzen, die man Mykorrhiza nennt (vgl. Mancuso, S. 95, Wohlleben, S. 50f.). Bei dieser Symbiose „kommen die Fäden des Pilzes bis in die Zellen der Wurzelrinde des Pflanzenpartners“ (Endomykorrhiza) (S. 15). Mit Strigolactonen, Pflanzenhormonen, werden die Plize zur den Pflanzenwurzel gelockt. Die Pflanzen erhalten über die Pilze eine bessere „Versorgung mit Phosphaten, weiteren Nährstoffen und Wasser aus dem Boden“ und der Pilz „bekommt seinen Anteil am Zucker, den die Pflanze durch Photosynthese erzeugt“. (S. 26) 90 Prozent der Pflanzen sollen diese Partnerschaft mit den Pilzen eingehen.

Hofrichter erläutert, dass Pilze früher zu den Pflanzen gezählt wurden. Es sei vielen Menschen bis „heute nicht klar, dass unsere Welt mit mehr als nur zwei Grundtypen von Lebewesen bevölkert ist. Sie meinen, dass Pilze so etwas wie urtümliche Vorfahren der Pflanzen sind. Und so stand es ja lange Zeit auch in den Lehrbüchern der Botanik.“ (S. 17)  Aber Pilze seien den Tieren näher als den Pflanzen. Die Pflanzen ernähren sich über die Photosynthese selber, aber die Pilze müssen wie die Tiere fressen. Pilze betreiben keine Photosynthese. Die Pilze waren vor den Pflanzen auf der Erde und haben den Pflanzen den Landgang überhaupt erst ermöglicht (S. 18, S. 36).

Des Weiteren spannend finde ich das Kapitel „Die Evolution der Pilze und ihre Erforschung“ (ab S. 69). Robert Hofrichter schildert hier den langen Weg bis die Pilze als eigene Lebensform anerkannt wurden und sie nicht mehr als „künstliche Wohnungen von Insekten“ (Friedrich Wilhelm Weis im 18. Jahrhundert) oder „Produkte verwitternder oder gährender Pflanzenteile und bloße Spiele der Natur seyen“ (Georg Friedrich Märklin), sondern seit 1969, nach Einteilung (vgl. „Fünf Reiche“/“five kingdom taxonomic“) durch den amerikanischen Botaniker und Klimatologe Harding Whittaker als Pilze (Fungi) neben den Tieren (Animalia), den Pflanzen (Plantae), den Einzellern (Protista) sowie den Mikroorganismen (Monera) stehen (S. 79).

Wie Eingangs erwähnt ist „Das geheimnisvolle Leben der Pilze“ kein Bestimmungsbuch. Dennoch geht Hofrichter auf die Bestimmung von Pilzen ein. Wobei er dies kritisch betrachtet. Es geht ihm um das Nichtwissen der Laien und die Gefahren, die sich durch eine Verwechslung ergeben können und die „brachiale Weise“ mit der heute wie wild Kofferraumladungen von Pilzen gesammelt werden, die dann per Schwarmwissen von anderen Laien („die vielleicht nur geringfügig mehr wissen als man selbst“, S. 122) identifiziert werden sollen. Hofrichter erwähnt den Mykologen und Buchautor („Illustriertes Lexikon der Pilze“) Ladislav Hagara, der schrieb, dass „mutige Nichtwisser in der Lage sind, jeden beliebigen Pilz mit jedem anderen beliebigen Pilz zu verwechseln“ (Zitat auf S. 121)