Interview #16: Ueli Bieri

Ueli Bieri ist Sketcher (vor allem Nature Sketcher), Buchautor, bei seiner Wanderreihe mit Stift und Skizzenbuch „Hike&Sketch“ ist Organisator, Planer Kursleiter und Mitsketcher.

Als ich vor fünf, sechs Jahren das abendliche Kurzwandern für mich entdeckte, kam mir das Zeichnen in der Natur in den Sinn. 2007 hatte ich dies ernsthaft vorgehabt, mir sogar einen Dreibeinhocker zum Start gekauft, aber andere Dinge kamen dazwischen. Nun, also Jahre später, schaute ich mich nach Büchern zum Thema um: „Zeichnen in der Natur“ von Albrecht Rissler, „Nature Sketching“ von Ueli Bieri und „Bäume zeichnen und malen“ von Martin Stankewitz standen auf meiner Wunschliste. Vom Blättern in Büchern bis zum Zeichen in der Natur dauerte es allerdings noch etwas, aber „Nature Sketching“ half mir dabei mich überhaupt mit Stift und Papier rauszutrauen. Umso schöner ist es, dass dieses Interview stattfinden konnte.

Ueli, wie war Dein Bezug zur Natur bevor Du mit Nature Sketching angefangen hast?

Schon als Kind habe ich Tiere und Pflanzen beobachtet und Bäume gezeichnet. Mich faszinierten die Vögel am Futterbrett meines Onkels, ich erfreute mich an den ersten Pflänzchen, die sich durch den Schnee wagten.
Auf den vielen Sonntags-Wanderungen mit den Eltern und Geschwistern in der Region Entlebuch fast in der Mitte der Schweiz, wo ich aufgewachsen bin, prägten meine Freude am Entdecken. Ich erinnere mich an eine Beobachtung eines großen Vogels zwischen den Felspartien eines Berges. „Hey, da oben fliegt ein Adler!“ war mein Ausruf. Ungläubig staunten alle Anderen hoch. Erst Jahre später bestätigte ein Ornithologe meine kindliche Bestimmung …

Wie hat es bei Dir mit dem Zeichnen begonnen und wie hast Du Dich zum heutigen Nature Sketcher entwickelt?

Meine Tante ließ uns Kinder die Bauernmalerei entdecken und lehrte uns die Kunst des Pflanzenmalens. Kleiderbügel, Holzbrettchen, usw. wurden von da an unsere persönlich gestalteten Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke für Verwandte und Bekannte.
Mein Vater hatte ein Schuhgeschäft. Wir Kinder durften die großen Kartonpakete, in welchen die Schuhe geliefert wurden, als Malgrund nutzen. So manch Kinder-Kunstwerk prangte alsdann an den Wänden.
In der Jugend begann ich Landschaften mit Wasser- und Gouachefarben zu malen.
Ein innerer Trieb ließ mich meine Um- und Mitwelt auf Papier bannen. Es waren meist Landschaften mit Bäumen, oft auch Berge und natürlich Sonnenuntergänge, die ich im Postkartenformat bis zur Größe A4 malte. Und schon damals malte ich fast ausschließlich draußen in der Natur.

Eine Aquarell-Collage, die in einem Frühsommer in Wyssbach, Madiswil, Kanton Luzern entstanden ist. Welche Farbe hat der Himmel? Welche Farbe hat die Wiese? (Mit freundlicher Genehmigung von Ueli Bieri).

Das Fotografieren damals (zu jener Zeit noch mit Film, der dann eingeschickt werden musste, um die Abzüge zu belichten) war für mich eine zu grosse Geduldsprobe – vom Knipsen bis zum Moment, bis das Foto in meiner Hand lag, vergingen manchmal Wochen und der Bezug zum Motiv verloren. Zudem war dies eine teure Sache und es gab vieles, das direkt im Abfall landete.

Dies verstärkte meinen Drang, den Moment mit Pinsel einzufangen.

Als ich vor ein paar Jahren auf die Begriffe Field-, Nature Sketching und Nature Journaling stieß und alle noch nicht auseinander halten konnte, fand ich Dein Buch „Nature Sketching“. Das war glaube ich Dein zweites Buch. Wie kam es dazu, dass Du zum Buchautor wurdest?

Das ist ein Weg voller Zu-gefallenem:

  • Am Ende von einem Ölmalkurs gab mir der Kursleiter Worte mit auf den Weg, die mein späteres Schaffen nachhaltig prägten: „Ueli, zeichne! Du führst den Pinsel wie ein Bleistift!“
  • Im Urlaub entdeckte ich in Südfrankreich das Buch „La Provence de Jean Giono“ von Denis Clavreul. Dieses zeigt das Leben und die Landschaften, lebendig gestaltet und geschrieben mit Bleistift und Aquarell. Genau so war ich damals schon selbst unterwegs.
  • Als meine Frau und ich 2005 an die 1000 km auf dem Jakobsweg wanderten, führte ich mein Tagebuch in Form eines Reise-Aquarellbuches, bzw. mehrerer solcher. Mehrfach entdeckte ich unterwegs ein neues Buch, ein anderes Format, das unbedingt mitwandern wollte.
  • Als Hobby-Ornithologe und – Botaniker war ich immer wieder auf Naturreisen und lernte viele Pflanzen und Tiere kennen. Immer wieder wurde ich selbst gefragt, Kurse zu leiten, aus meinem angewachsenen Wissensschatz erzählen möchte.

So kam es, dass der Wunsch in mir wuchs, meine Heimat in Wort und Bild zu zeigen. So viele Entdeckungen durfte ich da selbst schon machen. Mit Exkursionen und Kursen erreicht man immer hingegen nur eine Handvoll Menschen. Ein Buch hat da eine viel größere Reichweite.
So kam es, dass ich 2014 tatsächlich mein eigenes erstes Buch, das entleBUCH, in Händen hielt. Ich porträtierte meine Heimat, das oben erwähnte Entlebuch. Wandernd und malend in allen Jahreszeiten fanden Tiere, Pflanzen, Landschaften, skizziert und zum Teil koloriert ins Buch.

Um dem Buch eine gute Startrampe zu geben, legte ich ein Facebook-Konto an.
Bald kam die Kontaktanfrage von Albrecht Rissler. Albrecht ist aus meiner Sicht einer der besten deutschsprachigen Naturzeichner der Gegenwart und selbst Autor mehrerer Bücher. Ein reger Austausch zwischen ihm und mir führte mich zu ihm nach Heidelberg. Wir zeichneten gemeinsam und er fragte mich, ob ich beim dPunkt Verlag ein weiteres Buch herausgeben möchte. Was für eines durfte ich selbst entscheiden.
So entstand mein Buch „Nature Sketching“ – Ein Begriff, der damals, so viel ich weiss, noch nicht geläufig war. (So darf ich mich wohl als Wegbereiter dieser schönen Bewegung sehen)

Angelehnt ans Manifest der Urban Sketchers entschied ich mich für diesen Titel, denn

  • ich zeichne und male vor Ort, nach direkter Beobachtung
  • meine Sketches und Bilder erzählen die Geschichte der Umgebung, der Orte, an denen ich lebe und welche ich bereise
  • es sind wahrhaftige Auf-Zeichnungen der (Jahres-)Zeit und des Ortes
  • mit Beschriftungen, kurzen handschriftlichen Texten ist Nature Sketching eine künstlerische Umsetzung bzw. Vereinfachung des Gesehenen. Nicht eine fotorealistische Darstellung ist das Ziel, sondern das Einfangen des Moments bzw. das persönliche Porträtieren einer Begegnung

Einige Deiner Bilder sind Landschaftsbilder, bei denen aber im Gegensatz zu traditionellen Landschaftsgemälden, viele Bereiche des Bildes, vor allem die Häuser, einfach Weiß gelassen werden und mit Farbe besondere Akzente gesetzt werden. Du setzt damit auch klar die Natur in den Mittelpunkt. Wie hat sich diese Art von Reduziertheit bei Dir entwickelt?

Beim entleBUCH entschloss ich mich für die Gestaltung mit Bleistift und Aquarell. Ich kann so meinen beiden Fähigkeiten einen Auftritt schenken: Mit Bleistift kann ich z.B. einen Baum detailliert modellieren. Rindenstrukturen sind fürs Erkennen meist wichtiger als die Farbigkeit des Baumstamms.
Die Bleistift-Skizzen, die den Natur-Aquarellen Form und Halt geben, und die mit Bleistift handschriftlichen Texte lassen das Buch in sich zu einer Einheit wachsen.

Wenn Ueli Bieri unterwegs ist, gibt er Kreativcoach Tipps wie man beim Skizzieren oder Malen vorwärts kommt und er kommuniziert als Naturführer sein Naturwissen. (Foto mit freundlicher Genehmigung von Ueli Bieri).


Als (ehemaliger) Volksschul-Lehrer trage ich einen Lehrimpuls in mir. Mit gezieltem Farbakzent kann ich insbesondere bei Pflanzen und Tieren Erkennungsmerkmale verdeutlichen.
Diese Art der Gestaltung  weitete ich fürs Buch Nature Sketching aus. Als Landschaftsmaler sind für mich Häuser manchmal  „nur“ Rhythmus-Wandler eines Natur-Raums.

Häuser als Rhythmus-Wandler eines Natur-Raums (Foto mit freundlicher Genehmigung von Ueli Bieri).

Es war im Übrigen genau diese Kombination von Skizze, Zeichnung und Aquarellen, die Albrecht Rissler faszinierte.

Denke ich an Landschaftsmaler, dann sehe ich, wie sie ihre Staffelei an einen hübschen Ort schleppen und dort Stunde um Stunde an ihrem Motiv arbeiten. Ich will aber „leichter“ unterwegs sein, vielleicht mit einem kleinen Rucksack, und dennoch möchte ich nette Skizzen machen können. Was sind deine Empfehlungen fürs Reisen in die Natur? Und mit welchem Material und „Werkzeug“ bist Du unterwegs?

Tatsächlich trage ich dieses Bild des Landschaftsmalers auch in mir. Wenn ich zur Abwechslung mit Ölfarben unterwegs bin, mache ich dies genauso. Wobei ich meist bei der Staffelei spare, die so klein wie möglich wähle.
Lieber setze ich mich im Schneidersitz irgendwo hin und male auf den Knien.
Alle Bilder im entleBUCH entstanden auf randgeleimten Aquarellblöcken. Dabei nahm ich jeweils einen Panorama-Block (40×20 cm) und einen Quadrat-Block (20×20 cm) mit.

Ueli Bieri beim Zeichnen und Malen in der Natur (Foto mit freundlicher Genehmigung von Ueli Bieri).


Heutzutage ziehe ich meist ein kleines Aquarellbuch vor. So befüllte ich die letzten Jahre jeweils mehrere von Hahnemühle in diversen Formaten. So stehen Jahresbücher in meinen Regalen, die ich gerne durchblättere.
Als Nature Sketcher durch und durch, sind Pinsel, Aquarellfarben und Papier immer in meinem Rucksack. Ob ich zum Langlauf gehe, Wandere, Radfahre, … ein (kleines Set) ist mit dabei.
Je nach Länge meiner Tour nutze ich einen Mini-Aquarellkasten mit 12 halben oder den grossen verbeulten, meist ungewaschenen mit zig Farbtönen in halben und ganzen Näpfchen.
Übrigens: der aktuelle ist erst der Zweite in meinem nun doch schon 35 jährigen Aquarell-Leben. Der erste ist leider irgendwann durchgerostet.

Aktuell in meinem kleinen Etui und gleichzeitig mein Tipp:

da Vinci CASANEO Aquarell-Taschenpinsel Verwaschpinsel Gr. 2
da Vinci CASANEO Aquarell-Taschenpinsel Linierer Gr. 8
Bleistift 2B und 6B (Jumbo)
ein kleiner Radiergummi, der fast nie zum Einsatz kommt – und ein Bleistiftspitzer
Faber Castell Pitt artist pen – Künstlertusche warm grey S
Faber Castell Pitt artist pens  – Künstlertusche schwarz XS, S

Mein Tipp: Weniger ist Mehr!  – Beschränke dich aufs Nötigste und erfreue dich über jeden Sketch, jede Naturbegegnung, jeden Moment da draussen

Urban Sketching und Nature Journaling sind Bewegungen, die teilweise mit festen Regeln vor Ort zeichnen bzw. es wird diskutiert, inwieweit man zuhause nach Fotos zeichnen „darf“. Du montierst zuhause „Aquarell-Collagen“ (so schreibst Du in Deinen Buch „Nature Sketching“), bei denen Du aus Deinen Skizzen aus verschiedenen Motiven, Blickwinkeln und Techniken ein Bild erstellst. Wie siehst Du die Thematik „vor Ort“, „zuhause vervollständigen“, „nach Fotos“ zeichnen?

Meine „Aquarell-Collagen“ sind keine echten Collagen. Das heißt, es ist nichts Zusammengeklebtes.  Ich entlehnte diesen Begriff, da er verständlich schien.
Ich kombiniere Sketches eines Tages  (oft nicht vom gleichen Ort)  neben-, hinter- und miteinander und oftmals eben auch Beschriftungen oder kleine Texte.
Ich vertrete die Ansicht, dass Nature Sketcher möglichst vor Ort zeichnen/malen sollen. So kommt die Atmosphäre und das Erlebte direkt ins Bild, schafft Authentizität.

Beim Malen von Fotos verliert man Vieles:
Jedes Foto ist eine 2D-Interpretation des Motivs – und zwar eine Interpretation, die jede Kamera für sich selbst macht. In der heutigen Zeit von KI verändert dabei die Kamera das Gesehene, «optimiert» Lichtverhältnisse und Kontraste.

Seit ein paar Jahren bietest Du „Hike & Sketch“ in der Schweiz und teilweise auch in Deutschland an. Du bist dabei jede Woche mit verschiedenen Teilnehmern auf ein bis zwei stündigen Wanderungen unterwegs. Wie kann ich mir den Ablauf bei diesen Wanderungen vorstellen?

Hike&Sketch ist bei mir, für mich mehr als bloßes Wandern und Malen. Es verbindet alle meine Leidenschaften:
Draußen sein (meist in der Natur, manchmal auch in Dörfern oder gar Städten) / Tiere, Pflanzen, Menschen begegnen / Natur-Wissen vermitteln / Geschichten erzählen / und natürlich das Gemeinsame Sketchen.

Teilnehmer bei Hike&Sketch im Enzkreis (links). Ueli Bieri als Organisator und Planer, der unterwegs Kursleiter und Skecher ist (rechts). (Fotos mit freundlicher Genehmigung von Ueli Bieri).

Meine Rolle: Ich bin vor allem Organisator und Planer der Routen. Unterwegs bin ich einerseits Kursleiter, weise auf diese oder jene Gestaltungsmöglichkeiten hin und zeige auch mal vor. Andererseits bin ich selbst Sketcher, gestalte die Motive auch. Und ich bin Helfer: Teilnehmer können mich jederzeit um Tipps fragen. Dann unterbreche ich mein eigenes Sketchen.
Wir starten gemeinsam beim Treffpunkt. Ich stelle die Wanderung und allfällige Highlights vor. Dann gehen wir los. Den ersten Sketch-Halt und das Motiv bestimme ich. Ich zeige Möglichkeiten auf, manchmal lasse ich die Teilnehmer etwas Bestimmtes üben.
Nun tauchen alle in ihren eigenen Malprozess. Die Sketch-Dauer variiert zwischen 10 bis 20 min. Selten länger (höchstens bei trockenem Malort während eines Regengusses)
Wir zeigen einander das Gesketchte – vergleichen und profitieren voneinander ohne zu werten. Manchmal werde ich gefragt, was man wie „verbessern“ könnte oder wo ich noch Gestaltungstipps hätte.
Wir wandern weiter.  Es ist jedem Teilnehmer offen, mitzubestimmen, wo gesketcht wird. Immer wieder bestimme ich einen Ort, nicht aber das Motiv.
Die Wanderung selbst dauert  in ihrer ganzen Länge tatsächlich nur etwas mehr als 90 min. Wir nehmen uns jedoch 7 Stunden Zeit für die volle Distanz, inkl. mehreren Stopps.

„Linden sind wirklich geduldige Wesen …“, Ausschnitt aus einer Doppelseite bei Hike&Sketch (Skizze mit freundlicher Genehmigung von Ueli Bieri).

Beim Wandern bin ich schon einige Male richtig nass geworden. Vorher sah der Wetterbericht ganz anders aus und die Wolkenwand hinter mir habe ich auch nicht gesehen. Mit viel Glück hab ich dann einen schützenden Baum gefunden, mich unter einen Strauch verkrochen oder gar die nächste Schutzhütte erreicht. Wie gehst Du bei „Hike & Sketch“ mit dem Wetter um? Die Veranstaltung soll um 10 Uhr beginnen: es regnet fürchterlich oder um 10.45 kommt ein Regengebiet und ihr sitzt gerade auf den Dreibeinhockern.

Als Organisator der Hike&Sketch-Tage studiere ich ständig die Wetterprognosen. Erst 3 – 4 Tage vor der Durchführung gebe ich die Route und den Treffpunkt bekannt. Wird Dauerregen oder ein Gewitter angekündigt, biete ich eine Wanderung an, welche von Unterstand zu Unterstand, ja gar zu Innenräumen wie Restaurants oder Kirchen, führt. Bei schönem Wetter wandern wir in offenem Gelände oder im Wald.
Ab und an sketchen wir tatsächlich zusammengekauert unter dem Schirm. Auch dies ist ein spezielles Erlebnis. Oft bleibt der Sketch dann in Bleistiftlinien stehen.
Wandern im Regen macht übrigens in den passenden Kleidern auch Spaß. Einzig wenn Kälte, Nässe und gar noch Wind zusammenkommen, wird es auch eingefleischten Sketchern zu bunt. Dann kürzen wir die Wanderung ab und setzen uns in ein Restaurant vor einen Teller mit heißer Suppe und lassen meist das Sketchen sein (lacht).

Das kann ich gut nachvollziehen, mir reicht schon ein wenig kalter Wind um die Ohren und ich verdrück mich in ein Café und freu mich auf einen heißen Darjeeling-Tee (lacht). Herzlichen Dank Ueli für die interessanten Einblicke.
Zum Schluss möchte ich noch auf die Bücher von Ueli Bieri sowie seine Webseite und die Instagram-Accounts hinweisen:

https://www.kunstundbieri.ch/ 

@kunstundbieri.ch

@hike.and.sketch_kunstundbieri